"Ich habe keine Zeit" – die teuerste Ausrede beim Vermögensaufbau
- Anja Blodow

- 30. Juli
- 12 Min. Lesezeit

Zeit ist ein seltsames Phänomen.
Viele Menschen sagen: "Ich habe keine Zeit." Doch häufig steckt hinter dieser Aussage keine fehlende Zeit, sondern Unsicherheit oder Angst vor Entscheidungen. Gerade beim Vermögensaufbau wird die Aussage "keine Zeit" schnell zur teuersten Ausrede überhaupt.
Als Kind schien die Zeit überhaupt nicht vergehen zu wollen. In meiner Kindheit schlichen die Schuljahre dahin, sechs Wochen Sommerferien fühlten sich ewig an, Weihnachten lag gefühlt hinter sieben Gebirgen und mein Geburtstag bewegte sich so langsam auf mich zu, dass die Ungeduld fast körperlich schmerzte.
Heute dagegen blinzele ich einmal kurz und stelle erschrocken fest, dass schon wieder Juli ist, dass meine Kinder schon wieder größer geworden sind als letzte Woche. Außerdem merke ich, dass ich meine „neue“ Jeans schon vor zwei Jahren in meinem Fashion-Lieblingsladen in Cagliari gekauft habe.
Und allen Eltern um mich herum geht es genau so. Wenn wir uns zum Kochen oder Poolnachmittag treffen, staunen wir über unsere Kinder, die so viel lernen und wir lachen dann immer über den Satz „Unglaublich, wie die Zeit rennt. Wir werden wohl alt.“
Dabei rennt die Zeit vermutlich gar nicht. Die Zeit macht heute exakt das Gleiche wie vor Tausenden von Jahren. Sie verstreicht in derselben Geschwindigkeit wie damals, als Seneca seine Briefe schrieb, Aristoteles über das gute Leben nachdachte und irgendwo eine Bäuerin ihre Oliven erntete, ohne zu ahnen, dass Menschen viele Jahrhunderte später einmal behaupten würden, für alles zu wenig Zeit zu haben. Nur wir haben beschlossen, unterwegs immer schneller zu werden.
Ich frage mich manchmal, wann wir eigentlich angefangen haben, Zeit wie einen Gegner zu behandeln. Irgendwann muss dieser Moment gekommen sein, an dem aus einem kostbaren Gut plötzlich ein logistisches Problem wurde, das sich mit besseren Apps, effizienteren Morgenroutinen und einem farblich sortierten Kalender lösen lassen sollte. Wir sind bei Events nicht live dabei, sondern hören lieber Podcasts auf doppelter Geschwindigkeit und feiern das als Effizienz.
Seitdem kämpfen wir gegen Minuten, als hätten sie sich gegen uns verschworen, trinken unseren Kaffee im Gehen, beantworten E-Mails in der Supermarktschlange, hören Sprachnachrichten beim Zähneputzen und empfinden einen freien Nachmittag fast schon als verdächtig, weil irgendwo doch noch etwas Produktives auf uns warten müsste. Vielleicht ist genau das die größte Ironie unserer Zeit: Noch nie zuvor hatte der Mensch so viele technische Möglichkeiten, Zeit zu sparen, und gleichzeitig noch nie zuvor das Gefühl, ständig zu wenig davon zu besitzen.
Mal ganz ehrlich: Ein Glas Rotwein will man doch auch langsam genießen. Keiner käme auf die Idee, den Rotwein in doppelter Geschwindigkeit in sich hineinzuschütten, um dann nach 23,7 Minuten zu den Freunden zu sagen. „War ein mega effizienter Abend mit Euch wie immer, ich muss los, die Zeit rennt und ich muss heim zum nächtlichen Effizienzschlaf, ich schlafe ja immer in doppelter Geschwindigkeit.“
Die beliebteste Antwort unserer Generation auf nahezu jede Einladung lautet deshalb nicht mehr: „Ich habe keine Lust.“ Das wäre immerhin ehrlich. Heute sagen wir stattdessen: „Ich habe leider keine Zeit.“ Genau dieser Satz ist heute die beliebteste Ausrede unserer Gesellschaft. Dieser Satz ist gesellschaftlich akzeptiert, höflich, unanfechtbar und fast schon elegant, weil niemand nachfragt und niemand widerspricht. Dabei wissen wir beide vermutlich, dass er in den seltensten Fällen stimmt. Zeit ist erstaunlich gerecht verteilt. Jeden Morgen werden vierundzwanzig Stunden auf jedes Konto überwiesen – ohne Rücksicht auf Beruf, Kontostand oder Wohnort. Was sich unterscheidet, ist nicht die Menge der Zeit, sondern der Preis, zu dem wir sie hergeben. Manche tauschen sie gegen Geld. Manche gegen Videospiele und Social Media Scrolling. Andere gegen Anerkennung. Viele gegen Erwartungen, von denen sie längst vergessen haben, ob es überhaupt ihre eigenen sind. Und erstaunlich viele investieren sie in Sorgen über eine Zukunft, die noch gar nicht eingetroffen ist, oder in das ewige Warten auf den richtigen Zeitpunkt, als gäbe es irgendwo zwischen Dienstag und Donnerstag eine geheime Tür, hinter der das Leben plötzlich einfacher wird.
Als Zeit noch keine Uhr war
Vielleicht ist das eigentliche Problem sogar viel älter als unsere Smartphones, Outlook-Kalender und die ständige Erreichbarkeit, die wir so gerne für alles verantwortlich machen. Vielleicht begann unsere komplizierte Beziehung zur Zeit schon in dem Moment, als wir beschlossen, sie messen zu wollen. Denn sobald etwas messbar wird, beginnt der Mensch fast automatisch damit, es zu vergleichen, zu optimieren und irgendwann auch zu bewerten.
Von Buddha soll in etwa der Satz stammen „Der Vergleich ist die Wurzel des Leids“
Aus Sonnenaufgängen und -untergängen wurden Stunden, aus Jahreszeiten wurden Quartale und irgendwann standen wir nicht mehr morgens auf, weil die Sonne durchs Fenster schien, sondern weil ein Wecker beschlossen hatte, dass jetzt Produktivität beginnt.
Die alten Griechen hatten dafür ein erstaunlich feines Gespür. Sie unterschieden nämlich zwischen zwei Göttern der Zeit, Chronos und Kairos, obwohl beides heute in unserem Sprachgebrauch einfach Zeit heißt. Chronos war die messbare Zeit, die sich zählen ließ, die Stunde auf der Uhr, das Kalenderblatt, das Jahr im Reisepass, daher das Wort „Chronologie“. Kairos dagegen war der günstige Augenblick, der Moment, in dem etwas reif wurde, ohne dass man ihn planen konnte. Der richtige Zeitpunkt für eine Begegnung, eine Entscheidung, einen Aufbruch. Während Chronos gleichmäßig floss, war Kairos flüchtig wie ein Windstoß. Man musste ihn erkennen, nicht berechnen. Bezeichnenderweise wurde Kairos mit langen Haaren dargestellt, und hatte aber am Hinterkopf eine Glatze. Ich liebe dieses Bild: Wer den günstigen Moment nicht beim Schopf gepackt hatte, war zu spät, weil er ihn von hinten wegen der Glatze nicht mehr zu fassen bekam.
Vielleicht haben wir genau diesen Unterschied unterwegs verloren.
Wir sind Meister im Organisieren von Chronos geworden. Unsere Kalender sehen aus wie komplizierte Architekturzeichnungen, jede halbe Stunde hat ihre Farbe, jede Aufgabe ihren Platz und jede Erinnerung meldet sich mit einem kleinen Ton, der uns freundlich daran erinnert, dass wir schon wieder etwas erledigen sollten. Aber Kairos, diese kostbaren Augenblicke, in denen das Leben nicht effizient, sondern bedeutsam wird, taucht in keinem Kalender auf. Er kündigt sich nicht an, schickt keine Einladung und lässt sich auch nicht zwischen dem Zahnarzttermin und dem Elternabend einschieben. Kairos ist dann wirksam, wenn wir auf unsere Intuition hören, wenn wir etwas Abwegiges machen, was nicht logisch, linear und effizient ist. Und oft kommt aber genau dann was richtiges Gutes raus. Das berühmte Manifestieren. Wenn ich auf Schwingung achte, auf ein gutes Gefühl, auf meine Intuition, kann ich Ergebnisse bekommen, die auf geradem Weg unmöglich oder schwierig wären.
Ich hatte früher einen Partner, der immer auf Tripadvisor das beste Hotel und das beste Restaurant raussuchen wollte, und ich wartete manchmal wirklich Stunden, bevor wir an einem sonnigen Sonntag an einen schönen See fuhren. Es war nervig ohne Ende, Denn ich bin eher der spontane Typ. Er wollte dann nicht mit mir in Urlaub fahren, weil ich keinen Plan hatte, und ich fuhr allein los nach Italien, ohne Plan und irgendeine Buchung. Zwei Tage später, mitten in der Toskana, spazierte ich bei schönstem Wetter in Montepulciano nachmittags um halb sechs durch die Häuserschluchten, sah dem Treiben zu und dachte „oh, ich fühle mich nach einem ruhigen und wunderschönen Hotel mit viel Flair und fantastischer Aussicht“. Ich stieg ins Auto und fuhr einfach aus dem Ort raus, über die Hügelketten, und an jeder Abbiegung folgte ich einfach meiner Nase. Es dämmerte schon, als ich inmitten eines Waldstückes ein kleines Schild entdeckte „Hotel le Querce 1 km“. Der Abzweig war eine Schotterstraße mit weithin sichtbaren Schlaglöchern.
Sollte man als Frau allein in Urlaub fahren? Allein bei Dämmerung ein Hotel suchen? In einen Schotterweg im Wald einbiegen?
Chronos oder Kairos? Wir würdest Du entscheiden.
Ich entschied mich für Kairos. 5 Minuten später fuhr ich an einem herrlichen Pool vorbei, der schon im Halbdunkel lag und parkte im Innenhof eines alten Weinguts. Aussicht mindestens 50 km, denn in der Ferne sah ich die Lichter von Siena. Mit Restaurant, Weinverkostung, Garten… einfach wunderschön auf einem großen Hügel gelegen. Vor mir lagen Tage der Entspannung, Pool, bestes Essen, ich freute mich riesig.
Ich betrat durch dicke Gutsmauern die Rezeption, und bekam das letzte Zimmer. Und was stand dick und breit auf dem Tresen? Ein Schild, dass dieses Hotel ein bei Tripadvisor „sehr geschätztes Hotel“ sei. Ich hab es gefeiert, und dankte Kairos. Und ja, ich habe mich nach meiner Heimkehr getrennt.
Oder um es mit einem anderen mystischen Denker Merlin zu sagen aus „Merlin und Mim“, zugegebenermaßen in der Disney Version: „Um auf den richtigen Weg zu kommen, gehen wir Umwege“.
Vielleicht erinnern wir uns deshalb an unser Leben so selten anhand von Uhrzeiten. Niemand erzählt später seinen Enkeln, dass der schönste Moment des Sommers am 14. August um 16.37 Uhr stattfand. Wir erinnern uns an den Geruch des Meeres, an das Lachen eines Menschen, an einen Sonnenuntergang, der viel zu schnell verschwand, an den einen Abend, an dem aus einem Gespräch eine Freundschaft wurde, oder an die Entscheidung, die uns damals wahnsinnig gemacht hat und sich Jahre später als Beginn von etwas Großem herausstellte. Erinnerungen kennen keine Uhrzeit. Sie kennen nur Bedeutung. Ich weiss nicht mehr das genaue Datum meines Tages in Montepulciano vor circa 13 oder 14 Jahren. Aber ich weiß, dass es ein wunderschöner Tag war, an dem ich mit mir im Reinen war, intuitiv Entscheidungen traf, viel dabei gelernt habe und es mich genau an den richtigen Ort gebracht hat, im Urlaub und in Bezug aufs Singledasein. Und wenn ich mal im Sterben bin, könnte es sein, dass dieser Tag in Montepulciano beim Rückblick auf mein Leben dabei ist. Sonnig, glücklich, frei.
Der römische Philosoph Seneca schrieb vor fast zweitausend Jahren einen Satz, der sich liest, als hätte er ihn gestern zwischen zwei Videokonferenzen notiert: „Nicht weil wir wenig Zeit haben, sondern weil wir viel davon verschwenden.“ Ehrlich gesagt mochte ich diesen Satz früher überhaupt nicht. Er klang so belehrend, fast ein bisschen überheblich, nach dem Motto: Wenn ihr euer Leben besser organisiert hättet, wäre alles halb so schlimm. Aber je älter ich werde, desto weniger höre ich den Vorwurf darin und desto mehr erkenne ich die Einladung.
Denn Seneca sprach gar nicht davon, dass wir faul seien. Er sprach davon, dass wir unser Leben erstaunlich oft an Dinge verschenken, die wir nie bewusst gewählt haben. An Verpflichtungen, die wir übernommen haben, weil man das eben so macht. An Erwartungen anderer Menschen. An das endlose Vergleichen mit Leben, die auf Instagram ohnehin nur in der schönsten Version existieren. An Diskussionen, die längst beendet sein müssten, und an Sorgen über Ereignisse, die wahrscheinlich niemals eintreten werden.
Wenn man ehrlich ist, verbringen wir einen erstaunlich großen Teil unseres Lebens gar nicht im Hier und Jetzt, sondern entweder in einer Vergangenheit, die sich ohnehin nicht mehr verändern lässt, oder in einer Zukunft, die noch gar nicht existiert. Der eine ärgert sich seit drei Jahren über einen Satz seines ehemaligen Chefs, der andere hat seit Monaten Angst vor einem Gespräch, das vermutlich viel harmloser verlaufen wird, als es die eigene Fantasie ausmalt. Dazwischen vergeht das Leben leise und höflich, ohne sich aufzudrängen.
Augustinus, einer der bedeutendsten Denker der Spätantike, brachte dieses Paradox auf eine wunderbare Weise auf den Punkt. Er schrieb sinngemäß, dass er genau wisse, was Zeit sei – solange ihn niemand danach frage. Sobald er sie erklären müsse, entgleite sie ihm. Ich finde diesen Gedanken köstlich, weil er zeigt, dass Menschen sich schon vor anderthalb Jahrtausenden den Kopf über dieselben Fragen zerbrochen haben wie wir heute. Vielleicht ist unser Verhältnis zur Zeit gar kein modernes Problem. Vielleicht ist es einfach zutiefst menschlich.
Und doch scheint unsere Generation eine besondere Begabung dafür entwickelt zu haben, Zeit ständig als Mangel zu empfinden. Wir sprechen von Zeitmanagement, als ließe sie sich wie ein Unternehmen führen. Wir sparen Zeit, gewinnen Zeit, verlieren Zeit, investieren Zeit und fragen uns gleichzeitig, warum wir uns trotz all dieser Anstrengungen permanent gehetzt fühlen. Es ist fast ein wenig so, als würden wir versuchen, Wasser mit beiden Händen festzuhalten. Je fester wir zugreifen, desto schneller rinnt es zwischen den Fingern hindurch.
Vielleicht liegt genau darin die Ironie. Wir wollten die Zeit beherrschen. Stattdessen hat sie begonnen, uns zu beherrschen.
Und während wir glauben, unser Leben immer effizienter zu organisieren, passiert etwas Merkwürdiges: Unsere Tage werden voller, unsere Kalender dichter und unsere To-do-Listen länger, aber das Gefühl, wirklich Zeit zu haben, verschwindet immer mehr. Es ist, als hätten wir das Leben mit seiner Planung verwechselt. Als wäre ein perfekt organisierter Tag automatisch ein erfüllter Tag. Dabei wissen wir alle, dass das nicht stimmt. Die schönsten Geschichten unseres Lebens begannen selten mit einem perfekt getakteten Kalender. Meistens begannen sie damit, dass etwas anders lief als geplant.
Dazu liebe ich dieses Zitat von John Lennon, einem großen Denker unserer Zeit, „Das Leben ist das, was passiert, während Du eifrig dabei bist, andere Pläne zu machen“.
Die Erfindung der Eile
Ich glaube, wir leben gar nicht in einer Zeit, in der Menschen besonders viel arbeiten. Wir leben in einer Zeit, in der Menschen besonders beschäftigt wirken möchten. Das ist ein feiner, aber entscheidender Unterschied.
Beschäftigt zu sein ist längst zu einem Statussymbol geworden. Wer von Termin zu Termin hetzt, ständig "nur ganz kurz" erreichbar ist und auf die Frage, wie es ihm geht, reflexartig mit „Stress, aber guter Stress“ antwortet, sendet unbewusst eine Botschaft: Ich werde gebraucht. Ich bin wichtig. Vielleicht erklärt das auch, warum wir uns kaum noch trauen zu sagen, dass wir einfach einmal einen freien Nachmittag hatten. Einfach wie letzte Woche mit zwei mit Freundinnen und unseren ganzen Kindern den Nachmittag ganz gechillt im Garten am Pool verdödelt und den Kindern beim Wasserplantschen zugeguckt und den Wind in die Nase gehalten. Ruhe wirkt heute fast verdächtig.
Der Philosoph Byung-Chul Han beschreibt unsere Zeit deshalb als Müdigkeitsgesellschaft. Nicht, weil andere uns ständig antreiben, sondern weil wir uns selbst permanent optimieren. Wir beantworten E-Mails am Sonntagabend, hören Podcasts auf doppelter Geschwindigkeit und glauben ernsthaft, sogar Erholung müsse möglichst effizient sein. Poweryoga, Fitnesstracker, Kalorienzähler, Schlaf-App. Was ein Mist, das alles gibt es in meinem Leben nicht. Denn das Ergebnis ist paradox: Unsere Kalender werden voller, aber das Gefühl, wirklich Zeit zu haben, verschwindet immer mehr.
Vielleicht liegt genau dort das eigentliche Problem. Denn der Satz „Ich habe keine Zeit“ bedeutet erstaunlich oft etwas ganz anderes. Er bedeutet: Ich bin mir noch nicht sicher. Oder: Ich habe Angst, die falsche Entscheidung zu treffen.
Warum "keine Zeit" meist nur eine Ausrede ist
Zeit ist nämlich eine wunderbare Ausrede. Sie klingt vernünftig, niemand widerspricht ihr und wir müssen uns nicht eingestehen, dass hinter dem Aufschieben häufig gar kein Zeitmangel steckt, sondern Unsicherheit.
Martin Heidegger schrieb viel darüber, dass unser Leben nicht aus Jahren besteht, sondern aus Möglichkeiten. Diesen Gedanken finde ich wunderschön, weil er den Blick komplett verändert, und ich muss an Kairos denken. Unser Leben setzt sich nicht aus Kalenderblättern zusammen, sondern aus den Türen, durch die wir gegangen sind und aus denen, vor denen wir so lange stehen geblieben sind, bis sie sich irgendwann wieder geschlossen haben.
Genau deshalb glaube ich inzwischen, dass die teuersten Entscheidungen unseres Lebens oft nicht die falschen sind. Sondern die, die wir nie getroffen haben.
Und nirgendwo begegnet mir dieser Gedanke häufiger als beim Thema Vermögensaufbau. Haha, erwischt, kleiner Schlenker.
Zeit ist die teuerste Ausrede
Je länger ich mich mit dem Thema Zeit beschäftige, desto mehr glaube ich, dass sie völlig zu Unrecht auf der Anklagebank sitzt. Wir machen sie verantwortlich für verpasste Chancen, für unerfüllte Träume und für Entscheidungen, die wir seit Jahren vor uns herschieben, obwohl sie mit jeder Woche nicht leichter, sondern nur teurer werden. Dabei hat die Zeit mit all dem erstaunlich wenig zu tun. Sie tut das, was sie schon immer getan hat. Sie vergeht. Ohne Wertung. Ohne Rücksicht. Ohne auf jemanden zu warten.
Vielleicht ist es deshalb ehrlicher, den Satz „Ich habe keine Zeit“ einmal durch einen anderen zu ersetzen. Nicht laut, sondern nur im eigenen Kopf.
"Ich habe mich noch nicht entschieden."
Oder vielleicht sogar:
"Ich habe Angst, mich zu entscheiden."
Das klingt weniger elegant, aber vermutlich deutlich näher an der Wahrheit.
Ich glaube inzwischen, dass Zeit die beliebteste Ausrede unserer Generation geworden ist. Natürlich sind unsere Tage voll. Niemand bestreitet das. Zwischen Beruf, Familie, Freunden, Verpflichtungen und dem ganz normalen Wahnsinn des Alltags bleibt oft erschreckend wenig Raum zum Durchatmen. Und trotzdem verbringen wir erstaunlich viel Zeit damit, über Dinge nachzudenken, die wir längst hätten entscheiden können.
Wir haben Zeit, nächtelang und das über Wochen einen Urlaub in Südtirol zu planen, der ein langes Wochenende betrifft. Aber keine 10-20 Stunden Zeit, um eine Immobilie zu kaufen, die uns bis an unser Lebensende Geld bringt. Mit dem Geld könnten wir dauernd in Südtirol sein. Finde den Fehler.
Wir grübeln über steigende Zinsen, über den richtigen Zeitpunkt, über mögliche Risiken und darüber, ob wir vielleicht doch noch ein Jahr warten sollten. Aus Wochen werden Monate. Aus Monaten werden Jahre. Und irgendwann stellen wir fest, dass wir nicht deshalb keine Immobilie besitzen, weil uns Zeit gefehlt hätte. Uns hat der Mut für eine Entscheidung gefehlt.
Mich erinnert das an Menschen, die vor dem Schwimmen jahrelang am Beckenrand stehen und über die Wassertemperatur und den pH-Wert diskutieren. Sie lesen Erfahrungsberichte, vergleichen Schwimmstile, hören Podcasts über die perfekte Technik, natürlich in doppelter Geschwindigkeit, fragen Freunde, beobachten alle, die längst ihre Bahnen ziehen, und kommen am Ende doch immer wieder zu demselben Schluss: Heute vielleicht noch nicht, der Bademister hat vorhin so komisch geblinzelt. Irgendwann springen sie dann doch hinein, tauchen wieder auf und sagen fast immer denselben Satz.
"Warum habe ich das nicht schon viel früher gemacht?"
Genau so erlebe ich Immobilien.
Nicht als kompliziertes Investment, das nur Finanzexperten verstehen. Sondern als Entscheidung, die wir in unseren Köpfen so lange aufblasen, bis sie größer wirkt als sie tatsächlich ist. Vielleicht, weil uns niemand beigebracht hat, dass Vermögensaufbau nichts Elitäres ist. Er ist kein Hobby für Millionäre, kein Geheimclub für Menschen mit Maßanzug und Aktenkoffer und auch keine Wissenschaft, die man erst nach zwanzig Büchern verstehen darf. Vermögen bedeutet im besten Fall etwas sehr Bodenständiges: die Freiheit, später Entscheidungen treffen zu können, ohne dass Geld jedes Mal das letzte Wort hat.
Vielleicht arbeiten deshalb so viele Menschen ihr ganzes Leben für Geld, weil ihnen nie jemand gezeigt hat, dass Geld irgendwann auch für sie arbeiten kann.
Natürlich wird es niemals den perfekten Zeitpunkt geben. Die Zinsen werden sich verändern, politische Rahmenbedingungen werden sich verändern, Immobilienpreise werden sich verändern und auch wir selbst werden uns verändern. Wer auf den Moment wartet, in dem sämtliche Ampeln gleichzeitig auf Grün stehen, wird wahrscheinlich sein ganzes Leben an der Kreuzung verbringen.
Ich habe in den vergangenen Jahren viele Menschen kennengelernt, die rückblickend bereut haben, etwas nicht früher getan zu haben. Eine Weltreise. Eine Selbstständigkeit. Ein Studium. Eine Trennung. Ein Neuanfang.
Kaum jemand hat mir jemals erzählt, dass er bereut, sich zu früh ernsthaft mit seinem Vermögensaufbau beschäftigt zu haben.
Vielleicht ist das die eigentliche Erkenntnis dieses Essays.
Zeit ist kein Konto, auf das wir später noch einmal einzahlen können. Jeder Tag, an dem wir Entscheidungen aus Angst vertagen, verschwindet unwiederbringlich aus unserem Leben. Und manchmal kostet uns genau dieses Warten mehr als jede vermeintlich falsche Entscheidung.
Vielleicht fehlt Dir also gar keine Zeit.Vielleicht nutzt Du "keine Zeit" nur als Ausrede, weil jede wichtige Entscheidung zunächst Unsicherheit auslöst. Genau deshalb lohnt es sich, den ersten Schritt zu machen – besonders beim Vermögensaufbau.
Denn am Ende unseres Lebens werden wir uns vermutlich nicht fragen, warum wir so beschäftigt waren. Wir werden uns fragen, wofür.
Und vielleicht ist genau das die wertvollste Investition überhaupt.


