Das weibliche Dilemma mit Geld
- Anja Blodow

- 12. Feb.
- 5 Min. Lesezeit
Warum so viele Frauen leisten, verzichten, absichern und trotzdem finanziell unter ihren Möglichkeiten bleiben
Stell Dir vor, Du sitzt in einem Raum mit zehn Menschen. Alle haben eine ähnliche schulische und berufliche Ausbildung, vergleichbare Erfahrung, ähnliche Verantwortung. Neun davon sind Männer. Eine bist Du.
Jetzt stell Dir vor, jemand fragt in die Runde: „Wer hier glaubt, mehr verdienen zu dürfen, als er oder sie aktuell verdient?“
Die Männer melden sich. Manche sind vielleicht noch etwas zögerlich, aber wie selbstverständlich recken alle nach kurzer Zeit ihre Hand in die Höhe. Und was machst Du? Schweiß steht auf Deiner Stirn. Du überlegst. Nicht, weil Du die Frage nicht verstehst.
Du willst Dich zwingen, Deine Hand zu heben, denn verdammt, Du hast natürlich verdient, mehr zu bekommen. Aber ist das nicht arrogant? Ist das nicht unverhältnismäßig? Darf man einfach mehr wollen, als Frau? Oder bin ich dann eine geldgeile Tussi? Du verdienst doch bereits sehr gut. Was ist mit dem Rest aus Deinem Team … sollten dann nicht alle mehr bekommen?
In der Zwischenzeit, in der Du noch überlegst, ob Du es wagen darfst, die Hand zu heben, ist der Fragesteller bereits bei der nächsten Frage.
Okay, ja, das ist vielleicht übertrieben. Aber nicht ganz aus der Luft gegriffen. Denn genau an diesen Punkten beginnt oft das weibliche Dilemma mit Geld. Aber woran kann das liegen?
Der unsichtbare Rahmen, in dem wir denken
Viele Frauen sagen über sich, sie hätten einfach ein bestimmtes Verhältnis zu Geld. Vorsichtig. Sicherheitsorientiert. Nicht besonders risikoaffin. Nicht so materialistisch denkend. Ich brauche keinen Porsche oder eine goldene Rolex, um mich wertvoll zu fühlen.
Und ja, das klingt erstmal sehr persönlich. Aber dieses Verhältnis ist selten wirklich individuell. Es ist erlernt.
Niemand wächst neutral mit Geld auf. Wir alle lernen früh, was als „angemessen“ gilt, was man tut, was man besser lässt, was als klug, vernünftig oder überzogen wahrgenommen wird. Erste Lehrmeister sind dabei oft unsere Eltern und dabei meist Mama und Papa, völlig unabhängig vom Geschlecht des Kindes. Wer erlebt, dass Geld immer da ist, wird ein anderes Grundgefühl entwickeln als jemand, bei dem es ständig hieß „das ist zu teuer, das können wir uns nicht leisten“. Das ist zunächst genderneutral.
Aber: Diese Lernprozesse verteilen sich später nicht zufällig.
Frauen lernen oft, viele Entscheidungen, auch bzgl. Geld, im Kontext zu denken. Was bedeutet das für andere? Für das Team, die Familie, das Umfeld? Ob etwas vertretbar oder „gut“ ist, oder was dann die anderen denken, steht oft noch vor der Frage, ob es gut für sie selbst ist.
Viele Männer lernen eher, Entscheidungen stärker auf sich zu beziehen. Was bringt mir das? Was ist mein nächster Schritt? Wie vergrößere ich meinen Spielraum?
Männer denken Geld egoistisch (das ist nicht wertend gemeint), Frauen wird egoistisches Denken abtrainiert, und das fatalerweise auch bei Geld. Es ist ein Muster, das über Jahre vermittelt wurde und hoffentlich zunehmend aufbricht. Denn dieses Muster zeigt sich später sehr deutlich, wenn es um Geld geht.
In Gesprächen über Gehalt, Preise, Investitionen oder finanzielle Unabhängigkeit tauchen bei Frauen auffällig oft dieselben inneren Sätze auf: „Das reicht doch eigentlich.“ „Ich will nicht gierig wirken.“ „Andere haben es nötiger.“ „Ich bin ja schon ganz gut aufgestellt.“ „Ich bin doch keine geldgierige Tussi.“
Das sind gelernte Bewertungsmaßstäbe. Unser Denken hat einen Rahmen. Und dieser Rahmen entscheidet oft schon im Vorfeld, welche Möglichkeiten überhaupt auftauchen und welche innerlich aussortiert werden, bevor sie jemals ernsthaft geprüft wurden.
Spannend ist: Dort, wo früh bewusst gegengesteuert wird, verändert sich dieser Rahmen tatsächlich.

In skandinavischen Ländern etwa wird in einigen Schulen sehr gezielt darauf geachtet, Kinder möglichst genderneutral an Themen wie Leistung, Fehler, Verantwortung und Wettbewerb heranzuführen. Um Unterschiede nicht vorschnell festzuschreiben. Kinder sollen ausprobieren dürfen, scheitern dürfen, neu ansetzen dürfen, ohne dass Zurückhaltung automatisch als Tugend und Anspruch als Problem gelesen wird.
Was daraus häufiger entsteht, sind Erwachsene, die seltener erklären, warum sie etwas wollen. Sie wollen es und prüfen dann, wie es geht.
Und genau diese innere Selbstverständlichkeit fehlt vielen Frauen im Umgang mit Geld: die Haltung, dass finanzielle Ambitionen kein Charaktertest sind. Es ist ok, Geld zu haben, Geld zu mögen und mehr Geld haben zu wollen. Viele Frauen würden diesen Satz nicht über ihre Lippen bringen, ohne sich schlecht zu fühlen.
Der innere Algorithmus:
Warum bestimmte Optionen nie auftauchen
Wenn wir über Algorithmen sprechen, denken wir an Technik. An Social Media, Suchmaschinen, Empfehlungslogiken.
Aber unser Denken funktioniert ganz ähnlich. Unser innerer Entscheidungsalgorithmus greift auf Erfahrungen zurück, auf erlernte Muster, auf Bewertungen aus der Vergangenheit. Er fragt nicht: Was wäre möglich? Sondern: Was passt zu dem Bild, das ich von mir habe?
Und dieses Bild ist bei vielen Frauen erstaunlich eng gefasst. Weil sie sich selbst nicht gelernt haben in Relation zu setzen. Zu Partnern. Zu Kindern. Zu Erwartungen. Zu dem, was „angemessen“ wirkt. Das Ergebnis ist, dass bestimmte Wege innerlich gar nicht erst angezeigt werden.
Ich spreche mit Frauen, die Verantwortung tragen, Teams führen, Projekte stemmen, Umsätze erwirtschaften und trotzdem finanziell weit unter ihren Möglichkeiten bleiben.
Da ist die Frau, die seit Jahren mehr leistet als ihr Jobprofil vorsieht, aber eine Gehaltserhöhung nicht anspricht, weil sie „nicht undankbar wirken“ will. Sie glaubt, Loyalität sei ein Argument gegen Anspruch.
Da ist die Selbstständige, die ihre Preise nicht erhöht, obwohl sie ausgebucht ist. Sie erzählt sich, dass ihre Kundinnen sonst abspringen könnten. Was sie eigentlich fürchtet, ist nicht Umsatzverlust, sondern Ablehnung.
Und da ist die Frau, die gemeinsam mit ihrem Partner Vermögen aufgebaut hat, aber formal kaum abgesichert ist. Sie vertraut auf das „Wir“. Bis das Wir nicht mehr trägt.
All diese Frauen sind nicht naiv, sondern intelligent und gebildet. Sie sind nur bzgl. Geld so sozialisiert, dass es ihnen schadet. Weil sobald es ihnen nutzt, wären sie ja wieder „egoistisch“ und das gehört sich ja für eine Frau nicht. Es ist ein Teufelskreis.
Und damit kommen wir zum Herzstück des Problems: Frauen haben gelernt, dass Leistung eine Eintrittskarte ist: Für Anerkennung, Sicherheit und um dazu zugehören. Aber sie haben selten gelernt, dass Berechtigung unabhängig von Leistung existiert.
Männer werden häufiger mit dem Gefühl sozialisiert, dass Raum da ist und sie ihn füllen dürfen. Frauen werden häufiger darauf trainiert, bloß nicht zu viel Raum einzunehmen. Was sogar dazu führt, dass Männer sich bedroht fühlen, wenn eine Frau einfach nur ihren natürlichen Raum einnimmt, weil in ihrem Kopf nur „kleine“ Frauen existieren, aber das ist noch ein anderes Thema.
Bei Leistung und Geld führt es zu einer gefährlichen Schieflage: Frauen investieren enorm viel Energie in Vorbereitung, Absicherung und Perfektion und empfinden ihren Anspruch trotzdem als fragil.
Sie wollen sicher sein, bevor sie fordern. Bereit sein, bevor sie gehen. Abgesichert sein, bevor sie investieren.
Und übersehen dabei, dass finanzielle Unabhängigkeit nie aus maximaler Sicherheit entsteht, sondern aus bewusster Verantwortung für sich selbst. Investieren heisst Risiken eingehen und Verantwortung übernehmen. Und die darf man ja als Frau nicht eingehen, weil man sonst ja schon wieder „zu wagemutig“ oder „zu männlich“ ist. Es ist zum Mäusemelken.
Lösungen: Was wir Frauen konkret verändern sollten
Wir sollten beginnen, uns und unsere Einstellungen stärker zu reflektieren und mit einer inneren Neuausrichtung anfangen.
1) Geld nicht länger moralisch bewerten
Viele Frauen koppeln Geld unbewusst an Charakter.
Viel Geld = egoistisch. Wenig Geld = bescheiden.
Solange Geld moralisch bewertet wird, bleibt finanzielle Freiheit blockiert.
2. Anspruch als Ausgangspunkt denken
Nicht: „Was darf ich verlangen?“ Sondern: „Was brauche ich, um unabhängig zu sein?“
Das verschiebt den Fokus radikal.
3. Verantwortung nicht outsourcen
Partnerschaften, Arbeitgeber, Systeme können Sicherheit bieten. Aber sie ersetzen nicht Deinen eigenen finanzielle Weg.
Unabhängigkeit bedeutet nicht Alleingang. Sie bedeutet, nicht abhängig zu sein. Man kann einen Partner haben und trotzdem finanziell komplett eigenständig sein.
4. Geld als Gestaltungsmittel begreifen
Geld ist ein Werkzeug. Für Wahlfreiheit. Für Sicherheit. Für Selbstbestimmung. Für Dich und Deine Träume.
Fazit: Das weibliche Dilemma ist lösbar. Durch eine bewusste innere Entscheidung.
Also legt los😊


