Ich mach mir die Welt, widdewidde wie sie mir gefällt.
- Anja Blodow

- 2. Apr.
- 8 Min. Lesezeit

Pippi Langstrumpf hätte längst ein eigenes Konto. Und drei Immobilien.
Gestern Abend saß ich mit meinem Kind im Bett. Vorlesestunde. Diese ganz normale Bitte-noch-eine-Geschichte-Situation, in der man im Schlafanzug-Modus den Abend aneinander gekuschelt ausklingen lässt. Heute wieder ein Klassiker, der mich selbst als Kind tief beeindruckt hat. Ein Abenteuer von Pippi Langstrumpf.
Ich lese vor. Mein Kind lacht. Nicht nur wegen des Pferdes auf der Veranda oder wegen Herrn Nilsson. Jeder Satz ist eine Inspiration.
Bisschen geschichtlicher Background: Das Buch schrieb Astrid Lindgren Anfang der Vierziger, als alles zertrümmert wurde, und Kinder zu gehorchen hatten. Pippi war damals etwas, was komplett unvorstellbar war. Ein Kind, noch dazu ein Mädchen, das stark ist, charmant, lustig, eigenwillig und völlig unbeeindruckt davon, was man von ihr erwartet. Sie lebt allein in der Villa Kunterbunt, hat keine Eltern und hört also auch auf keine Eltern, schläft mit den Füßen auf dem Kopfkissen, hebt ihr Pferd hoch und kümmert sich gleichzeitig mit einer großen Selbstverständlichkeit um Tommy und Annika. Sie ist nicht rücksichtslos oder respektlos. Sie ist frei. Und sie nimmt ihre Freunde mit in diese Freiheit.
„Ich habe genug Geld“, sagt sie ganz selbstverständlich, wenn sie mit einem Goldstück im Süßwarenladen steht und Süßigkeiten für gefühlt drei Fußballmannschaften kauft. Daheim hat sie eine alte Tasche mit zwölfundsechzig Goldstücken, so genau weiß das keiner. Wo die ganze Welt Angst hat und sich sorgt, ist Pippi ein Bild des Überflusses, der Güte.
Und sie hat uns viel mehr beigebracht, als wir ihr je zugestanden haben.
Denn Pippi ist nicht nur eine Kinderbuchfigur. Pippi ist eine Haltung. Pippi hat ein richtig krasses Mindset.
„Das habe ich noch nie vorher versucht, also bin ich völlig sicher, dass ich es schaffe!“ trällert sie fröhlich. Und das in einer Zeit, wo man Kindern und vor allem Mädchen sagt, dass sie gehorchen müssen und nichts können. Wenn man sich die ganzen Gender Gaps anguckt, die wir 80 Jahre später immer noch haben, wünsche ich mir heute auch noch viel mehr Pippi, in unserer Erziehung, in unseren Erzählungen, in unseren Schulen.
Ich glaube, Pippi kommt nie aus der Mode und wenn ich so drüber nachdenke, brauchen wir sie heute dringender denn je, für Mädchen und für Jungen.
Wenn Pippi irgendwo auftaucht, passiert etwas Magisches. Sie kommt rein, macht die Tür auf und macht die Welt zu ihrer, ihrer Freunde und Familie.
Astrid Lindgren hat uns nicht einfach Geschichten geschenkt, sie hat uns so viel mehr gegeben.
Astrid Lindgren wusste sehr genau, was sie da tat. Sie hat in einer Zeit, in der Kinder angepasst und Mädchen bitte brav sein sollten, eine Figur erschaffen, die sich nicht klein macht. Ein Mädchen, das alleine lebt, nicht um Erlaubnis fragt, stark ist (wirklich stark), keine Angst vor Autoritäten hat, Geld besitzt und sich niemanden anpasst.
Das war eine kleine Revolution. Verpackt als Kinderbuch.
Astrid Lindgren hat uns eine Heldin gegeben, die nicht gerettet werden musste. Die keinen Prinzen brauchte. Die keine Zustimmung suchte. Die ein Riesenherz hatte. Und der piepegal war, was die anderen von ihr dachten.
Astrid Lindgren war keine harmlose Geschichtenerzählerin. Sie hat sich politisch eingemischt, sich gegen Gewalt in der Erziehung ausgesprochen, sich für Kinderrechte engagiert und damit Debatten angestoßen, die weit über Schweden hinausgingen. Sie hat mit ihrer Haltung und ihrer öffentlichen Stimme maßgeblich dazu beigetragen, dass Kinderrechte ernst genommen wurden, lange bevor sie international verankert waren. Sie hat Kindern Würde gegeben. Und Mädchen ein neues Bild von sich selbst.
Sie hat eine Idee in Millionen Köpfe gepflanzt. Du darfst Du sein. Komplett.
Pippi ist laut. Pippi ist wild. Pippi ist unangepasst.
Und das ist genau der Punkt.
Wie oft haben wir als Mädchen gelernt, dass wir das bitte nicht sein sollen. Nimm nicht zu viel Raum ein. Sei lieb. Sei nicht so fordernd. Deine Haare sind zu wild, die Hose darf kein Loch haben. Sei nicht so direkt. Und das hört ja nicht mit acht oder zwölf auf. Das begleitet viele Frauen bis ins Erwachsenenleben.
Aber warum genau entschuldigen wir uns eigentlich ständig?
Für meinen Tonfall… zu direkt, zu laut. Für meine Wünsche… unangemessen. Für meine Ambitionen… noch ein Kind in Deinem Alter? Für mein Vermögen… Ja, das habe ich mir selbst verdient.
Und für meine Meinung. Ja, die habe ich, kommt damit klar. Und manchmal entschuldigen wir uns sogar dafür, dass wir überhaupt da sind.
Pippi hätte darüber gelacht. Sie hätte vermutlich einmal schief gegrinst und gesagt, dass sie sich die Welt eben so macht, wie sie ihr gefällt.
Vielleicht ist genau das der Grund, warum sie so viele von uns gerettet hat. Es gibt Figuren, die bewundert man. Und es gibt Figuren, die erinnern einen an etwas, das man fast vergessen hätte. Pippi war beides.
In einer Welt voller Regeln und Erwartungen war sie der lebende Beweis dafür, dass man nicht geschniegelt sein muss, um geliebt zu werden. Dass man nicht brav sein muss, um wertvoll zu sein. Dass man nicht angepasst sein muss, um dazuzugehören.
Ich werde auch ein bisschen wehmütig, wenn ich an Pippi denke. Die Filme sind toll, langsam erzählt, immer im Hier und Jetzt. Kein Rumhängen in der Vergangenheit, keine Opferrolle, kein Rumfantasieren über die Zukunft. Vielleicht erinnert uns Pippi auch ans Kind, das wir mal waren. Oder mal sein wollten. Oder immer noch sind, nur gut versteckt unter Terminkalendern, Mental Load und dem Versuch, alles gleichzeitig richtig zu machen. Pippi lebt ihr Leben immer nach Gefühl, der Nase nach. Wie wohltuend und doch ungewöhnlich.
Wenn ich mir nur einen Spruch in den Schulen an der Wand wünschen könnte, dann wäre es dieser. „Das habe ich noch nie vorher versucht, also bin ich völlig sicher, dass ich es schaffe.“
Das ist eine innere Haltung, die vielen Frauen irgendwann abtrainiert wurde. Wir sollen vorbereitet sein, abgesichert, durchdacht, bitte kein Risiko. Pippi hätte vermutlich gesagt, warum denn so kompliziert, und hätte einfach angefangen. Ja, es wäre nicht alles perfekt gewesen. Aber sie wäre frei gewesen. Und Freiheit ist selten ordentlich.
Starke Frauen und ihre Bedeutung heute
Heute sprechen wir oft von starken Frauen und meinen damit die mit klarer Bühnenpräsenz, souveräner Stimme und dieser selbstverständlichen Autorität im Raum, die man sofort spürt. Und ja, das ist Stärke. Aber es gibt auch die Stärke, die man erst auf den zweiten Blick sieht. Die Frau, die nach Jahren in einer Beziehung sagt, so nicht mehr. Die Mutter, die aufhört, sich für jede Entscheidung zu rechtfertigen. Die Mutter, die einfach ihren Job kündigt, weil ihr der Kragen geplatzt ist. Die Frau, die einfach ihr Immobilien kauft und heimlich fett Vermögen aufbaut. Die Unternehmerin, die ihre Preise erhöht, obwohl ihr jeder sagt, tu das nicht. Die Frau, die sich erlaubt, nicht mehr die Nette zu sein, die alles runterschluckt.
Pippi war stark, weil sie sich nie angepasst hat. Viele Frauen sind stark, weil sie es jahrelang getan haben und irgendwann damit aufhören.
Und das verdient genauso viel Respekt. Vielleicht sogar mehr.
Warum wir heute so viele „brave Annika“-Frauen haben (und zu wenige Pippis)
Ich liebe Annika. Wirklich. Sie ist lieb. Sie ist vorsichtig. Sie ist ordentlich.
Aber wenn wir mal ehrlich zu uns sind, lassen viele von uns Annika Regie führen. Weil wir früh gelernt haben, dass Anpassung sicherer ist. Aber Sicherheit hat manchmal einen Preis. Und dieser Preis ist nicht selten das eigene Leben in seiner vollen Farbe.
Und dann ist da noch etwas, über das wir viel zu leise sprechen. Pippi war reich. Sie hatte eine Truhe voller Goldstücke. Und sie hat sich nicht geschämt. Sie hat nicht so getan, als wäre das nebensächlich. Sie hatte Geld. Punkt.
Und viele Frauen heute stecken in einem merkwürdigen inneren Konflikt. Sie wollen unabhängig sein, aber bitte nicht geldgierig wirken. Sie wollen gut verdienen, aber bitte sympathisch bleiben. Sie wollen investieren, aber nicht riskant erscheinen. Sie wollen Vermögen aufbauen, aber möglichst ohne Aufsehen.
Warum eigentlich? Geld ist kein Charakterfehler. Geld ist Möglichkeit.
Pippi war reich. Sie hatte Goldstücke. Warum dürfen wir das dann nicht auch für uns beanspruchen? Und wenn Pippi etwas wollte, hat sie es gekauft. Wenn sie jemandem helfen wollte, hat sie es getan.
Und das ist spannend, weil viele Frauen heute immer noch in einem merkwürdigen inneren Konflikt hängen. Sie wollen unabhängig sein, aber sie wollen nicht „geldgierig“ wirken. Sie wollen gut verdienen, aber bitte ohne anstrengend zu wirken. Sie wollen investieren, aber bitte nicht zu riskant. Sie wollen Vermögen aufbauen, aber bitte lass das keinen sehen. Sie wollen Sicherheit … das könnte man noch ewig so fortführen. Das ist doch, wie wenn man gleichzeitig auf Gas und Bremse tritt. Stillstand bei quietschenden Reifen.
Wenn ich Pippi heute vorlese, dann lese ich sie anders als früher.
Früher war sie Abenteuer. Heute ist sie eine Erinnerung daran, wie es sich anfühlt, wenn man noch glaubt, dass alles möglich ist. Und fast ein Mahnmal daran, was ich meinen Kindern mitgeben will.
Und als Mutter sitzt man manchmal da und fragt sich leise, wann genau man selbst aufgehört hat, so zu denken. Zwischen Kita-Listen und Steuererklärung. Zwischen „Mama, ich hab Hunger“ und „Mama, kannst Du noch kurz?“ Zwischen Verantwortung und Dauerfunktionieren.
Muttersein ist wunderschön. Und es macht schonungslos sichtbar, wie oft Frauen sich selbst nach hinten stellen. In genau diesen Momenten wird Pippi zu mehr als einer Figur. Sie wird zu dieser inneren Freundin, die Dir auf die Schulter klopft und sagt, Du bist auch wichtig.
Wir lesen unseren Kindern Pippi vor. Aber leben wir sie auch?
Leben wir dieses „Ich mach mir mein Leben, wie es mir gefällt“. Nicht wie es sich gehört. Nicht wie es erwartet wird. Sondern wie es sich nach uns anfühlt.
Ich wünsche mir mehr Frauen wie Pippi. Frauen, die sich die Welt machen, wie sie ihnen gefällt. Frauen, die so flexibel arbeiten, wie sie wollen, die Kinder bekommen, weil sie es möchten, die Karriere machen, sich in ihrer Haut wohlfühlen, erfolgreich sind und Geld verdienen. Die einfach machen, was SIE wollen. Und das passt vielen nicht, denn eine Frau, die unabhängig ist, ist sehr schwer zu kontrollieren😊
Pippi gegen das Patriarchat. Und genau deshalb ist mir auch finanzielle Bildung so wichtig, die Frauen schlau macht, die ihnen zeigt, wie sie ihr Geld für sich arbeiten lassen können. Die stolz über ihr sechsstelliges Immobilienportfolio sprechen. Die stolz sind, Kinder UND Karriere zu haben.
Wir geben unseren Kindern diese Geschichten. Wir lachen mit ihnen. Wir bewundern Pippi. Aber wie oft leben wir das, was wir da vorlesen?
Pippi war nicht perfekt. Aber sie war echt.
Und vielleicht ist das das Wichtigste. Wir leben in einer Zeit, in der Frauen sich ständig optimieren sollen… bessere Mutter, bessere Partnerin, bessere Mitarbeiterin, bessere Unternehmerin, besserer Körper, bessere Routinen, besserer Schlaf, bessere Ernährung ….
Und irgendwann fühlt man sich wie ein Projekt, das nie fertig wird und an dem es immer etwas auszusetzen gibt. Es ist eine Milliardenindustrie, die Frauen einredet, dass sie sich erst optimieren müssen. Pippi hätte sich nie zum Projekt von jemand machen lassen. Pippi war und ist einfach Pippi.
Und was hat Pippi jetzt mit Immobilien zu tun?
Vielleicht mehr, als man denkt.
Die Villa Kunterbunt war nicht nur Kulisse. Sie war ihr Zuhause. Ihr Raum. Ihr Eigentum. Ihr Ort, an dem niemand bestimmte, wie sie zu leben hat. Sie musste nicht fragen, ob sie bleiben darf. Sie musste nicht hoffen, dass jemand anders für Stabilität sorgt. Sie hatte ein Fundament.
Ich weiß, Immobilien klingen nicht romantisch, ist ja nur Beton. Aber ein eigenes Fundament ist es schon.
Wenn Frauen sich eine Sache wirklich zurückholen sollten, dann ist es finanzielle Sicherheit. Ganz einfach aus Selbstachtung. Geld schafft Wahlmöglichkeiten. Eigentum schafft Stabilität. Und Stabilität gibt Ruhe.
Immobilien können Altersvorsorge sein. Absicherung. Unabhängigkeit. Ein Sicherheitsnetz für Kinder. Eine Antwort auf die Frage, was ist, wenn ich eines Tages alleine entscheide.
Keine Frau sollte irgendwann sagen müssen, ich habe mich nie darum gekümmert, jetzt ist es zu spät. Pippi hätte das nicht gesagt. Sie hätte sich die Zahlen angeschaut, vielleicht kurz die Stirn gerunzelt, dann gelacht und beschlossen, gut, dann machen wir das eben.
Ich wünsche mir mehr Pippis. Für uns. Für unsere Töchter.
Ich wünsche mir Frauen, die wieder mehr Raum einnehmen.
Ich wünsche mir Frauen, die sich wieder trauen, unbequem zu sein.
Und ich wünsche mir Mütter, die ihren Kindern nicht nur Geschichten von Freiheit vorlesen, sondern sie auch vorleben.
Vielleicht nicht so wild wie Pippi. Aber mit derselben Haltung. Mit demselben Funkeln. Mit derselben inneren Stimme, die sagt:
Ich mach mir die Welt, widdewidde wie sie mir gefällt.😆💪


