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Warum Muttersein in Deutschland wirtschaftlich so weh tut

  • Autorenbild: Anja Blodow
    Anja Blodow
  • 26. Feb.
  • 6 Min. Lesezeit
Anja Blodow_Wirtschaftliche Situation als Mutter

Jeder Mensch wurde von einer Frau geboren.


Warum fühlt sich Muttersein wirtschaftlich trotzdem wie ein Nachteil an?

Manchmal frage ich mich, wie wir uns eigentlich daran gewöhnt haben. Daran, dass etwas so Zentrales wie Mutterschaft gesellschaftlich gefeiert wird und gleichzeitig finanziell so wenig zählt.


Fast jede politische Rede betont, wie wichtig Familien sind. Alle machen sich Sorgen um die Geburtenrate. Kinder sind anscheinend wichtig, und Mütter auch. Da sind sich alle einig ob konservativ oder liberal.


Und trotzdem erzählen mir Frauen seit Jahren dieselbe Geschichte. Unabhängig davon, ob sie angestellt sind oder selbstständig, verheiratet oder getrennt, Akademikerinnen oder Quereinsteigerinnen Sie erzählen nicht von fehlender Liebe. Sie erzählen von fehlender Absicherung und dem damit verbundenen permanenten Stress.


Muttersein verändert vieles – nur leider nicht die Regeln des Systems


Wenn Frauen Mütter werden, verändert sich ihr Leben radikal. Zeitlich. Emotional. Körperlich. Organisatorisch. Oft auch beruflich.


Was sich nicht verändert: die Fixkosten, die Erwartungen, die wirtschaftlichen Spielregeln. Die Miete läuft weiter. Kredite auch. Versicherungen. Lebenshaltungskosten.

Was sich sehr wohl verändert, ist das Einkommen, denn viele Frauen reduzieren ihre Arbeitszeit.


In Deutschland arbeitet fast jede zweite erwerbstätige Frau in Teilzeit, während nur etwa jede zehnte Teilzeitkraft ein Mann ist. Das Bundesamt für Statistik meldet 2024 eine Teilzeitquote von 49 % bei Frauen und nur 12 % bei Männern.


Aktuell wird genau darüber in der Politik heftig debattiert: Eine Mitte-Rechts-Position fordert, das Recht auf Teilzeit einzuschränken – manche sprechen schon von der viel zitierten „Lifestyle-Teilzeit“. Kritikerinnen werfen der Debatte vor, Familienrealität mit Freizeitfantasie zu verwechseln, wenn man so tut, als wären reduzierte Arbeitszeiten bloß eine Luxuswahl.

Diese Diskussion ist symptomatisch. Denn für viele Frauen ist Teilzeit keine Freizeitwahl oder eine Art „Work-Life-Balance deluxe“. Für sie ist Teilzeit schlicht das, was gerade noch möglich ist, wenn Kita-Öffnungszeiten, schulische Betreuungszeiten und einkalkulierte Einkommen zusammengebracht werden sollen.


Das ist kein lustiger Lifestyle, sondern existenzieller Druck.


Gaaaaaanz bestimmt „meinen“ die Politiker natürlich nicht die braven Mamas, sondern nur die „faulen“ Teilzeitler*innen, die ja eigentlich mehr arbeiten könnten, aber lieber mit Aperol Spritz am Badesee rumhängen. Aber das Thema „Lifestyle Teilzeit“ wurde so verkürzt und unreflektiert rausposaunt, dass es unempathisch und sorry, not sorry einfach mal wieder frauenfeindlich ist. Denn wenn man die Statistik nochmal bemüht, sind eben Teilzeitkräfte weit überwiegend …weiblich. Surprise. Und wer frauenfeindlich ist, ist in meinen Augen indirekt auch kinderfeindlich, von wegen Familie als höchstes Gut. Diese Diskussion um Lifestyle Teilzeit ist einfach frech und gemein, und ich wage zu behaupten, dass ein durchschnittlicher Politiker (hier mal absichtlich ohne Gendern) das Pensum von einer Mutter mit Teilzeitjob und drei Kindern zur Schnupfensaison keine Woche durchhalten würden ohne zu jammern.


Nur mal so „by the way“: In vielen anderen europäischen Ländern ist Teilzeit oder einfach eine insgesamt geringere Arbeitszeit für alle ein normaler Teil der Arbeitswelt. Mit besseren sozialen Sicherungsnetzen und höherer Partnerschaftlichkeit in Erwerbs- und Care-Arbeit. In Deutschland hingegen wird Teilzeit politisch manchmal als Problem dargestellt, das gelöst werden muss, indem man den Rechtsanspruch einschränkt. Und, ich erwähne es nur mal wieder, die Stundenanzahl sagt nichts über den Output aus, es ist eine alte Kenngröße aus der Zeit der Industrialisierung, geeignet für Fließbandarbeit mit repetitiven Handgriffen. Aber wer will denn geistige, kreative, wissenschaftliche Leistungen in Stunden bemessen.

Skurrile Welt!


Was Teilzeit für Einkommen und Zukunft bedeutet


Teilzeit bedeutet weniger Stunden – klar. Aber es bedeutet auch meist weniger Geld, weniger Rentenpunkte, weniger Karrierepotenzial, weniger Verhandlungsmacht, weniger Geld zum Investieren.


Und es bedeutet eines ganz deutlich: Die wirtschaftliche Lebensrealität von Frauen, und ganz besonders von Müttern, sieht anders aus als die von Männern. Weil Zeit nicht einfach Freizeit ist, sondern Care- und Erwerbsarbeit zusammengebracht werden müssen. Denn auch in jeder noch so gleichberechtigten Beziehung wird es immer Dinge geben, die Männer nun einmal einfach nicht übernehmen können, wie die Geburt, stillen oder die körperlichen wie emotionalen Folgen, die diese mit sich bringen.


Ich habe viele Frauen erlebt, die eine Zeit lang reduziert gearbeitet haben, bewusst, aus Liebe, aus Verantwortung, und weil Zeit mit Kindern verbringen auch einfach schön ist.

Es kann doch nicht sein, dass sie Jahre später sagen: „Ich habe das bereut – nicht wegen meinem Kind – sondern weil es beruflich für mich schwer war wieder Fuß zu fassen und ich mich finanziell am Anfang fühle wie frisch nach meinem Studium.“


Und das ist kein individuelles Versagen. Das ist ein systemisches Muster: Frauen arbeiten öfter in Teilzeit, in Jobs, die durchschnittlicher weniger gut bezahlt sind , verdienen im Schnitt weniger pro Stunde und sammeln gleichzeitig weniger Rentenpunkte. All das sind Faktoren, die den sogenannten Gender-Pay-Gap und den Gender-Working-Time-Gap erklären.


Ein Beispiel aus der Praxis: Eine Kundin, Ende dreißig, zwei Kinder, gut ausgebildet. Nach der Elternzeit reduzierte sie auf 30 Stunden, weil es ohne schlicht nicht funktionierte: Kita-Schließzeiten, Kranktage der Kinder, die klassische Rush-Hour der Lebensarbeit treffen genau dann aufeinander. In den ersten Jahren war das „akzeptiert“. Doch als sie wieder in Vollzeit arbeiten wollte, zeigte sich der Knick: Gehalt niedriger als vor der Familienzeit, Führungschancen verpufft, Rentenlücke sichtbar.


Das wirkt sich nicht nur kurzfristig aus, es hat jahrzehntelange Folgen. Und da hilft auch so was wie die Mütterrente nicht.


Care-Arbeit trägt die Gesellschaft


Was oft vergessen wird: Frauen leisten täglich einen erheblichen Anteil an unbezahlter Care-Arbeit – mehr als Männer. In Deutschland ist der sogenannte Gender-Care-Gap (ja, dieses Wort gibt es wirklich😊) ein messbares Phänomen, Frauen verbringen deutlich mehr Zeit mit Pflege, Betreuung und Haushaltstätigkeiten als Männer.


Diese Arbeit wird gesellschaftlich eingefordert, aber nie wirklich wirtschaftlich abgegolten. Sie fließt nicht ins Bruttoinlandsprodukt ein. Sie schafft keine Rentenansprüche, keine Rücklagen, keine wirtschaftlichen Sicherheiten.


Das heißt im Klartext: Du arbeitest, planst, trägst Verantwortung, bildest Zukunft für andere und gleichzeitig wird dieser Beitrag nicht in Vermögen umgewandelt.


Das ist erstaunlich, wenn man mal genauer darüber nachdenkt: Wir feiern Mutterliebe, wir sprechen über die Bedeutung von Kindern für die Zukunft des Landes und gleichzeitig wird die grundlegende wirtschaftliche Rolle von Müttern in den Statistiken oft ausgeblendet.

All das führt zu einer sehr einfachen, aber harten Erkenntnis:

Frauen brauchen ihr eigenes Vermögen


Wirtschaftliche Sicherheit entsteht nicht automatisch. Sie entsteht dadurch, dass man eine ökonomische Struktur baut, die unabhängig von Arbeitszeiten, Care-Belastung und Partnerschaften funktioniert.


Und hier kommt mein Lieblingsthema ins Spiel, über das ich seit 7 Jahren spreche, schreibe und referiere: Immobilien sind die idealen Vermögenswerte für Frauen.


Der Schaden, der durch die ganzen typischen Gaps für Frau entsteht, gender pay gap, pension gap, care gap, investment gap…. geht in die Hunderttausende bei jeder Mutter und übrigens auch bei Frauen, die keine Kinder haben, da der Bias sie auch trifft. Und dieser Schaden muss aufgefangen werden. Die Politik tut hier nichts, siehe oben, deshalb müssen Frauen „sich selbst retten“, um auch im Alter finanziell abgesichert zu sein. Immobilien sind kein Statussymbol und kein Garant für schnellen Reichtum. Sie sind vielmehr ein struktureller Vermögensanker und damit ein finanzieller Lebensretter. Sie verbinden ein Einkommen, nämlich die Miete, das nicht täglich an Arbeitszeit gekoppelt ist mit einer langfristigen, kalkulierbaren Wertentwicklung.


Wenn ich in Beratungsgesprächen mit Frauen über Immobilien spreche, dann höre ich oft etwas, das mich nicht überrascht, sondern traurig bestätigt:

„Ich will einfach Stabilität. Nicht abhängig sein. Nicht abhängig bleiben.“


Frauen kaufen keine Immobilien, weil sie einen Sportwagen kaufen wollen, auch wenn das manche männliche Immobilienvertriebe in ihrer Werbung zu glauben scheinen. Wenn dann Frauen sagen, sie möchten Eigentum auf ihren eigenen Namen, d.h. eingetragene Alleineigentümerin im Grundbuch einer Immobilie – dann heißt das nicht, dass sie ihrem Partner*in nicht trauen. Sie wollen einfach Sicherheit für sich, "the bare minimum", einfach nicht nur überleben, sondern leben. Das ist schlicht ein nachvollziehbares Bedürfnis nach Sicherheit.


Und das ist völlig legitim.


In einem System, in dem Teilzeit lange Jahre Alltag ist und Care-Zeit nicht in wirtschaftliche Anerkennung übersetzt wird, können eben eigene Immobilien den Unterschied machen zwischen Existenzangst und Handlungsspielraum.


Ein Perspektivenwechsel:

Von Fürsorge zu wirtschaftlicher Teilhabe


Und hier liegt ein Punkt, den ich persönlich wichtig finde: Es ist nicht gegen Liebe, Beziehung oder Partnerschaft gerichtet, wenn Frauen wirtschaftliche Selbstständigkeit anstreben.


Es ist auch nicht gegen Familie gerichtet, wenn man sagt: Wenn ich für andere sorge, dann sorge ich zuerst dafür, dass ICH eine wirtschaftliche Grundlage habe.

In solchen Gesprächen wird oft ein Denkfehler sichtbar: Wir sehen Care-Arbeit als etwas grundsätzlich Schönes, emotional Bindendes und gleichzeitig als etwas, das keine ökonomischen Konsequenzen haben darf.


Aber natürlich hat es Konsequenzen.

Wenn eine Mutter drei, fünf oder zehn Jahre ihres Lebens weniger gearbeitet hat, dann wirkt sich das aus. Nicht nur in diesem Monat, sondern in 30 oder 40 Jahren.

Und das zu ignorieren, weil man denkt, wirtschaftliche Fragen seien unromantisch, ist schlicht kurzsichtig und kann sich keiner leisten.


Warum wir über diese Dinge ehrlich sprechen müssen


Wenn ich mit Frauen darüber rede, dann geht es selten um Zahlen allein. Es kommen Fragen auf wie:


Wieso kann ich für alle sorgen, aber es fällt mir schwer, für mich zu sorgen?

Wieso wird Anerkennung gezählt, aber nicht in Einkommen übersetzt?

Warum gelten gesellschaftliche Erwartungen oft härter als wirtschaftliche Realitäten?


Diese Fragen sind kein Protest gegen Fürsorge. Sie sind ein Blick auf die konkrete, wirtschaftliche Seite von Mutterschaft.


Und dieser Blick ist wichtig. Weil das auch langfristig nicht nur unser aller Leben, sondern auch unsere Wirtschaft stabilisieren kann.

 
 
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