top of page

Warum Gemeinschaft für Frauen zählt

  • Autorenbild: Anja Blodow
    Anja Blodow
  • 9. Feb.
  • 6 Min. Lesezeit
Anja Blodow_Gemeinschaft für Frauen

Ein Dorf erzieht ein Kind und Frauen tragen dieses Dorf gemeinsam


Seit ich wieder ein Baby habe, gefällt mir das Leben auf dem Land noch besser. Nicht, weil sich mein Ort (okay mein Dorf😊) verändert hätte, sondern weil ich die Unterstützung, die mir gerade zuteilwird, noch mehr wahrnehme und wertschätze.


Dinge, die früher einfach passiert sind, bekommen plötzlich Gewicht. Kleine Handgriffe, kurze Gespräche, Gesten, die man vorher kaum bemerkt hat, weil man sie nicht gebraucht – und damit auch nicht wirklich wahrgenommen – hat.


Jemand bringt etwas vom Supermarkt mit, weil er ohnehin einkaufen fährt. Eine Freundin bringt selbstgemacht Suppe vorbei. Eine Nachbarin stellt die Mülltonne raus, weil sie sieht, dass ich gerade nicht dazu komme. Im Winter schiebt jemand den Schnee weg, ohne Bescheid zu sagen, einfach damit der Weg frei ist, wenn ich mit dem Kinderwagen raus will. Eine andere Nachbarsfamilie hat uns einen Christbaum besorgt und im Wohnzimmer aufgestellt. Bei manchen Dinge hab ich um Hilfe gebeten, und einige liebe Gesten sind einfach so passiert. Es passiert, weil man weiß, wie es ist, wenn der eigene Radius gerade kleiner ist als sonst. Und mit einem Baby, das erst wenige Wochen alt ist, endet dieser Radius an manchen Tagen so ungefähr bei Deiner Haustür.


Und seit ich ein Baby habe, merke ich noch mehr, wie sehr mich genau das im Alltag trägt. Diese Momente, in denen man kurz Luft bekommt, weil jemand anderes mitdenkt und Dir ganz selbstverständlich eine helfende Hand reicht.


Was sich mit einem Säugling verschiebt


Mit einem Baby verändert sich der Alltag, ohne dass man das wirklich planen oder kontrollieren kann. Zeit fühlt sich anders an, Entscheidungen brauchen mehr Energie, und vieles, was früher selbstverständlich war, wird plötzlich kompliziert. Man steht morgens auf und weiß nicht, wie der Tag verlaufen wird. Hat das Baby heute Blähungen, oder hat nachts schlecht geschlafen... ups... dann werden Termine unsicher, Verabredungen wackelig, Pläne bleiben provisorisch.


Es läuft nicht alles nach Plan, auch wenn man es versucht. Das ist kein Zeichen von Schwäche  – auch wenn man ehrlicherweise nach einer Geburt öfter erschöpft ist, und verdammt noch mal: Das ist okay 😊 – ein Säugling hat einfach Bedürfnisse und braucht bei allem Hilfe. Präsenz ist gefragt, Aufmerksamkeit, Geduld. Und während man sich um ein kleines Leben kümmert, laufen die eigenen Bedürfnisse irgendwo im Hintergrund weiter. Auch eine Mutter braucht Erholung von der Geburt, Essen, Schlaf, eine Dusche oder fünf Minuten, in denen sie einfach nur durchatmen kann.


Gerade in den ersten Wochen mit Baby wird sehr deutlich, wie wenig allein geht. Man kann vieles tragen, aber nicht alles gleichzeitig. Und man kann nicht jede Grenze erklären, wenn man selbst kaum weiß, wo sie gerade liegt.


Familie ist wertvoll, aber sie ist nicht immer da


Familie spielt eine Rolle, keine Frage. Sie kann Halt geben, Nähe, Verlässlichkeit. Aber Familie ist nicht automatisch verfügbar. Sie lebt nicht immer in der Nähe, sie hat eigene Verpflichtungen, eigene Grenzen. Manche Frauen haben viel familiäre Unterstützung, andere kaum oder gar keine.


Was mir erst jetzt wirklich bewusst wird, ist, wie wichtig Menschen sind, die nicht zur Familie gehören und trotzdem Verantwortung übernehmen. Freundinnen, Nachbarinnen, Frauen, die sehen, wie der Alltag aussieht, ohne dass man ihn erklären muss. Diese Beziehungen sind oft sehr pragmatisch und zeigen sich vor allem im konkreten Tun.


Es ist ein Unterschied, ob jemand am Telefon fragt, wie es einem geht, oder ob jemand Suppe mitbringt und die Einkäufe erledigt handelt, weil er weiß, dass gerade wenig Spielraum da ist. Beides kann guttun, aber nur eines entlastet wirklich.


Das Dorf entsteht nicht, wenn man es braucht


Der Satz vom „Dorf, das ein Kind erzieht“, klingt oft so, als ließe er sich „herstellen“, wenn man nur genug darüber spricht. Als könne man sich Unterstützung zusammenstellen wie ein Projekt im Job. Die Realität ist eine andere. Vieles von dem, was jetzt auffängt, ist hier vor Ort gewachsen – lange bevor ich das zweite Mal Mutter wurde.


Durch Offenheit und kurze Gespräche am Gartenzaun. Durch den Austausch mit anderen Müttern und Vätern im Kindergarten und Schule. Durch Nachbarschaftshilfe wie „Hast Du noch Eier?“ oder „Kannst Du mir mit der Heckenschere aushelfen?“ und ein freundliches Hallo auf der Spaziergeh-Runde und ein Ratsch am Spielplatz. Und ich liebe es.


Nachbarschaft und Freundschaft entsteht über Zeit. Vertrauen auch. Durch Wiederholung, durch kleine Verlässlichkeiten, durch aufmerksames Wahrnehmen der Lebenssituationen im direkten Umfeld: ein gebrochenes Bein, Krankheit, Schwangerschaft, Kindergeburtstage und gemeinsame Abendessen mit der Rasselbande. Diese Art von Verbindung lässt sich nicht auf Knopfdruck erzeugen. Schon gar nicht in einer Phase, in der man ohnehin wenig Kapazität und ehrlich gesagt auch wenig Lust dafür hat.


Mit einem Kind merkt man sehr schnell, wo dieses Dorf existiert und wo nicht.


Frauen, die füreinander da sind


Was mir besonders auffällt, ist, dass dieses Dorf in vielen Momenten vor allem von Frauen getragen wird. Nicht, weil Männer keine Rolle spielen, sondern weil Frauen oft sehr genau wissen, wie sich bestimmte Situationen rund ums Kinderkriegen anfühlen. Sie erkennen, wann jemand gerade nicht kann, ohne dass es ausgesprochen werden muss.


Eine Frau, die kurz vorbeikommt und fragt, ob sie das Baby nehmen soll, damit man in Ruhe duschen kann. Eine andere, die Essen mitbringt, ohne daraus eine große Geste zu machen. Niemand kommentiert, niemand bewertet, niemand relativiert. Es ist einfach Teil des Miteinanders und beim nächsten Mal verleihe ich mein Auto, weil das von den Nachbarn in die Werkstatt musste. Oder übernehme die Betreuung eines Kindes, damit seine Mama in Ruhe die Beerdigung der Oma vorbereiten kann.


Diese Art von Unterstützung fühlt sich nicht nach Abhängigkeit an. Sie fühlt sich nach Entlastung an und Miteinander.


Früher habe ich bei Nähe an Entfernungen gedacht. An Wege, an Fahrtzeiten, an Distanzen. Heute denke ich an Menschen.


Das Leben auf dem Land hat dadurch ein anderes Gewicht bekommen. Es wird getragen von Beziehungen, die nicht jedes Mal neu verhandelt werden müssen. Man weiß, wer helfen kann, wer gerade selbst an der Grenze ist, und richtet sich danach aus.


Warum Frauen einander brauchen


Gegenseitige Unterstützung ist kein Thema, das man auf die Zeit mit kleinen Kindern beschränken sollte. Es geht um etwas Grundsätzlicheres. Um das Wissen, dass man nicht jede Frage allein beantworten muss und nicht jede Entscheidung allein tragen sollte.

Dass Frauen zusammenhalten wie ein Dorf, ist eine schöne Metapher finde ich. Und sie ist nicht nur für frischgebackene Mütter entscheidend. Sie ist grundsätzlich wichtig. Auch dann, wenn es um andere Lebensbereiche geht.


Berufliche Entscheidungen zum Beispiel. Phasen, in denen Arbeit unsicher wird, in denen man sich neu orientiert, in denen man nicht weiß, ob der nächste Schritt richtig ist. Oder gesundheitliche und finanzielle Fragen, die Frauen oft besser verstehen, wenn sie aus einer gemeinsamen Lebensrealität heraus besprochen werden.


Auch hier stehen viele Frauen häufig allein da. Sie überlegen, rechnen, zweifeln für sich. Sie treffen Entscheidungen, die ihr ganzes Leben beeinflussen, und tun so, als müssten sie das alles alleine können.


Wenn Frauen sich über Arbeit austauschen, über Geld, über Investitionen, über Risiken, passiert etwas Ähnliches wie im Alltag mit einem Kind. Es entsteht ein Raum, in dem man laut denken darf. In dem Zweifel Platz haben. In dem man nicht sofort funktionieren oder alles wissen muss. Und wo man mal einfach in den Arm genommen wird. I feel you.

Diese Gespräche sind oft genauso unauffällig wie die Hilfe im Alltag. Aber sie können genauso entlastend sein, vielleicht sogar langfristig entscheidender.


Das Dorf als Haltung


Vielleicht ist das Dorf weniger ein Ort als eine Haltung.

Es bedeutet, Verantwortung zu teilen. Erfahrungen weiterzugeben. Fragen zu stellen, ohne sich dafür zu schämen. Und anderen Frauen das Gleiche zuzugestehen. Das kann man auch in der Stadt.


Ob es um ein Baby geht, um einen Jobwechsel, um finanzielle Entscheidungen oder um die Frage, wie man sein Leben langfristig gestalten will. All das wird leichter, wenn man es nicht isoliert denkt.


Seit mein Baby da ist, weiß ich, wie sehr mich dieses Dorf hält. Deswegen widme ich den heutigen Newslettern all meinen wunderbaren Freundinnen, Nachbarinnen und Familienmitgliedern, die mich in den letzten Monaten liebevoll unterstützt haben. Ich bin zutiefst dankbar und glücklich, dass es Euch gibt.


Zugleich merke ich, dass ich mir genau diese Art von Verbundenheit auch in anderen Bereichen wünsche.


Vielleicht geht es am Ende gar nicht darum, stärker oder unabhängiger zu werden. Sondern sich gemeinsam gegenseitig zu stärken, füreinander da zu sein, miteinander zu lachen über das Leben, das manchmal auch fies sein kann, und einfach zu leben. Denn am Ende sind wir alle miteinander verbunden.


Wer gehört zu Deinem Dorf?

 
 
bottom of page