Die gefährlichste Ausrede heißt „noch nicht“
- Anja Blodow

- vor 2 Tagen
- 4 Min. Lesezeit

Ich glaube ja mittlerweile, Ausreden sind wie diese ominöse Küchenschublade zuhause mit alten Ladekabeln, zwei abgelaufenen Batterien, einer einzelnen Ikea-Schraube und Bedienungsanleitungen von Geräten, die längst irgendwo im Elektroschrott gelandet sind. Niemand weiß mehr genau, warum man das alles noch besitzt, man benutzt es nie wieder und rational betrachtet könnte man die komplette Schublade sofort entsorgen…ABER emotional bringt man es trotzdem nicht übers Herz, sie endlich mal auszumisten. Oder man ist einfach zu faul.
Und genauso sammeln viele Frauen seit Jahren Gründe, warum sie sich angeblich NOCH NICHT mit Immobilien beschäftigen können.
„Die Zinsen sind gerade zu hoch.“„Die Preise waren früher besser.“„Jetzt ist der Markt zu unsicher.“„Ich warte erstmal die neue Bundesregierung ab.“„Wegen des Energiegesetzes lohnt sich das doch alles nicht mehr.“„Vielleicht nach dem Sommer.“„Vielleicht wenn die Kinder größer sind.“„Vielleicht wenn mein Leben endlich mal ruhiger wird.“
Spoiler: Das Leben wird nicht ruhiger.
Und ich glaube, genau das ist einer der größten Denkfehler überhaupt, wenn es um finanzielle Unabhängigkeit geht. Viele Frauen denken nämlich, irgendwann käme dieser magische Moment, an dem plötzlich alles sortiert ist. Der Kalender entspannt sich. Die Wäscheberge verschwinden. Niemand braucht mehr irgendetwas von einem. Die Weltlage stabilisiert sich. Die Nachrichten hören auf, sich wie der Trailer zum Weltuntergang anzufühlen, und man sitzt morgens entspannt mit einem grünen Smoothie auf dem Balkon und denkt: „So. Jetzt wäre vermutlich der perfekte Zeitpunkt, um mich endlich mit Vermögensaufbau zu beschäftigen.“
Passiert nur leider ungefähr genauso häufig wie ein stressfreier Ikea-Samstag.
Denn draußen passiert seit Jahren gefühlt jeden Dienstag der nächste Ausnahmezustand. Erst hieß es, man dürfe bloß keine Immobilien kaufen, weil alles völlig überteuert sei. Dann kam Corona und plötzlich wurde Toilettenpapier zur emotionalen Wertanlage. Danach Krieg in Europa, Inflation, Energiekrise, Heizungsdrama, steigende Zinsen, Panikmeldungen über den Immobilienmarkt, neue Förderungen, neue Gesetze und alle paar Monate irgendein Wirtschaftsexperte im Fernsehen, der mit dramatischer Stimme erklärt, warum jetzt endgültig alles zusammenbrechen wird.
Ganz ehrlich, wenn Frauen darauf warten, dass sich die Welt erstmal beruhigt, können wir vermutlich direkt in Rente gehen, bevor wir die erste Wohnung kaufen.
Frauen haben oft kein Wissensproblem. Sondern ein Dauerbelastungsproblem.
Was mich an dieser Diskussion manchmal wirklich wütend macht, ist dieses alte Vorurteil, Frauen würden sich einfach „nicht genug“ für Geld interessieren. Als müssten Frauen nur endlich mal anfangen, Wirtschaftsnachrichten zu lesen und ETF-Podcasts beim Joggen zu hören, und plötzlich wäre alles gelöst. Unabhängig davon, dass man erstmal Zeit fürs Jogging haben muss.
Die Realität sieht doch völlig anders aus.
Die meisten Frauen, mit denen ich spreche, tragen seit Jahren ein Leben mit sich herum, das sich anfühlt wie zehn gleichzeitig geöffnete Browserfenster, von denen irgendwo im Hintergrund dauerhaft Musik läuft, während zusätzlich noch hundert ungelesene WhatsApp-Nachrichten aufpoppen und jemand fragt, ob man eigentlich schon an das Geschenk für den Kindergeburtstag gedacht hat.
Viele Frauen leben in einem permanenten mentalen Hintergrundrauschen aus Verantwortung. Arbeit. Familie. Organisation. Emotionaler Care-Arbeit. Unsichtbaren To-do-Listen. Arztterminen. Elternabenden. Einkaufszetteln. Schulgruppen. Partnerschaft. Haushalt. Angehörigen. Und irgendwo dazwischen versucht man dann noch genug Wasser zu trinken, halbwegs gesund zu essen und nicht komplett den Verstand zu verlieren, wenn um 21:30 Uhr plötzlich einfällt, dass das Kind morgen etwas „Grünes zum Basteln“ mitbringen soll.
Natürlich wirkt ein Thema wie Immobilien dann komplett überfordernd, anstrengend und kompliziert. Wie ein weiterer Fulltimejob, für den man eigentlich weder Zeit noch mentale Kapazität hat.
Und genau deshalb schieben Frauen das Thema oft jahrelang vor sich her. Weil sie einfach zuerst an alle anderen wichtigen Menschen und Dinge in ihrem Leben denken und sie selbst irgendwann ganz hinten auf der eigenen Prioritätenliste landen.
Ausreden klingen bei intelligenten Frauen irgendwann wie Vernunft
Das absurde an Ausreden ist nämlich, dass sie irgendwann unglaublich vernünftig wirken.
Je intelligenter Frauen sind, desto besser können sie erklären, warum jetzt gerade angeblich nicht der richtige Zeitpunkt ist. Und plötzlich klingt Angst nicht mehr wie Angst, sondern wie hervorragend organisierte Lebensplanung.
„Ich beobachte den Markt erstmal noch.“
„Ich möchte mich vorher vollständig einlesen.“
„Ich brauche erst noch mehr Eigenkapital.“
„Ich warte erstmal die politische Entwicklung ab.“
Das Problem daran ist nur, dass diese perfekte Sicherheit meistens nie eintritt.
Denn bei finanziellen Entscheidungen gibt es einfach nicht den super top und idealen Zeitpunkt, an dem alle Ampeln gleichzeitig auf Grün springen und irgendein Immobilienengel vom Himmel fliegt und sagt: „Herzlichen Glückwunsch Sabine, jetzt ist es soweit. Sämtliche Risiken wurden entfernt. Du darfst offiziell anfangen.“
So funktioniert Vermögensaufbau leider nicht. Schade eigentlich.
Menschen bauen Vermögen nicht auf, weil sie irgendwann keine Angst mehr haben. Sondern weil sie irgendwann verstehen, dass Angst und Ausreden sie absolut nicht weiterbringen.
Viele Frauen haben früh gelernt, vorsichtig zu sein. Kein Risiko einzugehen. Bloß nichts falsch zu machen. Erst perfekt vorbereitet zu sein. Erst alles verstanden zu haben. Erst hundert Prozent Sicherheit zu fühlen.
Das sieht man später überall.
Männer kaufen manchmal Immobilien mit einem halben YouTube-Video Wissen und einer Excel-Tabelle voller Optimismus. Frauen dagegen sitzen teilweise mit perfekt vorbereiteten Unterlagen, Rücklagen, Notizen, Podcasts, Büchern und drei Beratungsgesprächen da und glauben immer noch, sie seien „noch nicht bereit“.
Lieber noch ein Coaching. Lieber noch eine Meinung von einem vermeintlichen Experten.
Und das kostet Jahre!
Vielleicht ist „später“ die teuerste Gewohnheit vieler Frauen
Ich glaube nämlich nicht, dass Frauen grundsätzlich zu wenig Mut haben.
Viele Frauen haben nur irgendwann angefangen zu glauben, dass sie sich finanzielle Selbstbestimmung erst verdienen müssten. Erst wenn alles andere erledigt ist. Erst wenn genug Ruhe da ist. Erst wenn man sich kompetent genug fühlt. Erst wenn das Leben endlich nicht mehr so chaotisch ist.
Aber dieses „später“ wird oft zu einer Endlosschleife. Denn wie schon geschrieben, das Leben bleibt chaotisch. Es wird immer Rechnungen geben, politische Krisen, Unsicherheit. Immer neue Schlagzeilen. Immer Menschen, die erklären, warum etwas gerade angeblich nicht geht/funktioniert/sinnvoll ist/…
Und gleichzeitig vergeht Zeit.
Bis irgendwann die Renteninformation kommt. Oder eine Trennung. Oder eine Krankheit. Oder einfach nur die Erkenntnis, dass man sich jahrzehntelang um alles und jeden gekümmert hat, nur nicht um den eigenen Vermögensaufbau.
Und genau deshalb sind vorgeschobene Ausreden zwar teils inhaltlich als Argument verständlich, aber sooo gefährlich.
Denn sie bremsen Dich aus.


