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Was starke Frauen mit kultureller Vielfalt verbindet

  • Autorenbild: Anja Blodow
    Anja Blodow
  • 21. Mai
  • 5 Min. Lesezeit
Anja Blodow starke Frauen

Wenn ich an kulturelle Vielfalt denke, denke ich nicht zuerst an Politik.


Ich denke an Begegnungen.


An Gespräche mit Frauen, die ganz andere Lebenswege hinter sich haben als ich. An Kundinnen aus unterschiedlichen Ländern. An Mütter mit völlig verschiedenen Vorstellungen davon, was „ein gutes Leben“ für ihre Kinder bedeutet. An Juristinnen, die in einem System groß geworden sind, das Leistung über alles stellt und ganz verschiedene Lebenswege eingeschlagen haben.


Ich bin in Deutschland aufgewachsen, habe Jura studiert, bin in einem Umfeld sozialisiert worden, in dem Bildung selbstverständlich war. Ich wusste immer, dass ich arbeiten werde. Dass ich Verantwortung übernehme. Dass ich wirtschaftlich eigenständig sein möchte. Und vor allem Mama sein will.


Und trotzdem habe ich erst spät verstanden, wie sehr auch ich kulturell geprägt bin.

Nicht nur durch meine Herkunft in Bayern, wo ich in einem schönen kleinen Dorf aufgewachsen bin, sondern durch das System, in dem ich mich bewege und auch als Kind und Jugendliche bewegt habe. Durch das Jurastudium, geprägt durch Leistungsdenken. Durch das Bild der „starken Frau“, die alles schafft, alles aushält und dabei möglichst wenig klagt.


Kulturelle Vielfalt beginnt für mich dort, wo ich merke: Andere Frauen tragen andere Bilder in sich.


Unterschiedliche Prägungen, unterschiedliche Selbstverständlichkeiten


Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einer Kundin, die in einem sehr traditionellen Umfeld aufgewachsen ist. Für sie war es selbstverständlich, dass der Mann sich um die großen finanziellen Entscheidungen kümmert. Sie war hochgebildet, klug, strategisch und gleichzeitig zutiefst überzeugt davon, dass Investitionen „nicht ihr Thema“ seien.

Ein anderes Mal sprach ich mit einer Unternehmerin aus Osteuropa. Sie hatte früh gelernt, dass wirtschaftliche Sicherheit nichts ist, was man als gegeben hinnehmen darf. Eigentum bedeutete für sie Stabilität, Unabhängigkeit, Schutz. Ihre Perspektive war geprägt von politischen Umbrüchen, von Unsicherheit, von der Erfahrung, dass Systeme sich verändern können.


Beide Frauen waren stark. Beide hatten Verantwortung übernommen. Beide lebten in derselben Stadt. Und doch trugen sie völlig unterschiedliche kulturelle Prägungen in sich.


Vielfalt zeigt sich nicht nur in Sprache oder Religion. Sie zeigt sich in Selbstverständlichkeiten. In dem, was man für möglich hält und was man sich zutraut.

Manche Frauen wachsen mit dem Satz auf: „Du kannst alles werden.“ Andere mit dem Satz: „Sei vorsichtig.“ Wieder andere mit: „Halte die Familie zusammen.“


Keine dieser Botschaften ist per se falsch. Aber sie wirken. Sie beeinflussen Entscheidungen. Karrierewege. Beziehungen. Auch den Umgang mit Geld.

Wenn ich heute über kulturelle Vielfalt spreche, dann meine ich genau das: Die Bereitschaft, diese unterschiedlichen inneren Programme bei anderen und bei mir selbst zu erkennen und auch zu tolerieren, dass es sie gibt. Solange sie nicht schädlich sind!


Starke Frauen als Brückenbauerinnen


Wenn ich in die Geschichte schaue, sehe ich immer wieder Frauen, die Brücken gebaut haben.


Bertha von Suttner, die sich im Europa des 19. Jahrhunderts für Frieden einsetzte, in einer Zeit, in der Frauen politisch kaum eine Stimme hatten. Wangari Maathai, die in Kenia Umwelt- und Frauenbewegung miteinander verband. Malala Yousafzai, die Bildung als Schlüssel zu Freiheit verteidigt. Ruth Bader Ginsburg, die als Juristin in einem männlich dominierten System begann und es später mitprägte.

Diese Frauen stehen für unterschiedliche Kulturen, unterschiedliche Religionen, unterschiedliche politische Kontexte. Was sie verbindet, ist nicht ein einheitliches Weltbild. Es ist die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen und das auch gegen Widerstände.


Ich finde es bemerkenswert, wie oft Frauen dabei ihre weiblichen Stärken einsetzen wie Widerstandskraft, Beharrlichkeit, Empathie; statt mit dem Kopf durch die Wand zu wollen. Dass sie mit Ausdauer und mit dem Willen, Strukturen zu verändern voranschreiten, ohne sich selbst zu verlieren.


In meinem eigenen Umfeld erlebe ich das ebenfalls. Juristinnen, die neben anspruchsvollen Karrieren Familien tragen. Die in der einen Minute einen Vertrag checken und in der nächsten Minute ihrem Kind das Schoko-Eis vom Mund wischt. Unternehmerinnen mit Migrationsgeschichte, die zwischen zwei kulturellen Erwartungen navigieren. Mütter, die ihren Töchtern etwas anderes vorleben möchten als das, was sie selbst gelernt haben.


Kulturelle Vielfalt ist für mich deshalb auch die Vielfalt weiblicher Lebensentwürfe. Es gibt nicht die eine richtige Art, stark zu sein oder Erfolg zu haben. Nicht die eine Rolle, die Frauen erfüllen sollten.


Dialog als Haltung


Ich habe in den letzten Jahren gelernt, dass echter Dialog anstrengend ist. Er verlangt, dass man die eigene Perspektive nicht absolut setzt.


Als Juristin bin ich gewohnt, Argumente zu strukturieren, Positionen zu vertreten, Klarheit herzustellen. Im Dialog zwischen Kulturen geht es oft weniger um Recht haben und mehr um Verstehen.


Warum trifft eine Frau bestimmte Entscheidungen? Warum empfindet sie Sicherheit anders als ich? Warum bewertet sie Risiko höher oder niedriger? Hinter diesen Fragen stehen Biografien. Familiengeschichten. Politische Erfahrungen. Wirtschaftliche Realitäten. Teilweise prägen noch die Erfahrungen von 2-3 Generationen davor das, was eine Frau denkt, fühlt und macht.


Vorurteile entstehen schnell, wenn man diese Hintergründe nicht kennt. Man hält eine Haltung für irrational oder rückständig, ohne zu verstehen, dass sie aus konkreten Erfahrungen gewachsen ist. Ich habe gelernt, genauer hinzusehen, nachzufragen und nicht sofort zu bewerten.


Das gilt auch für mich selbst. Auch ich trage Überzeugungen in mir, die kulturell geprägt sind. Das Bild der leistungsstarken Juristin. Die Idee, dass man sich durchsetzen muss. Die Überzeugung, dass finanzielle Unabhängigkeit zentral ist.


Für mich ist sie das. Für andere Frauen stehen vielleicht Gemeinschaft, Stabilität oder Tradition stärker im Vordergrund. Und das alles darf sein.


Was das mit Finanzen zu tun hat


Ich habe lange gedacht, mein Thema – Immobilien, Investitionen, wirtschaftliche Unabhängigkeit – sei vor allem eine Frage von Zahlen und Strategien.

Heute sehe ich es anders.


Der Umgang mit Geld ist zutiefst kulturell geprägt. Er hängt davon ab, wie wir Sicherheit definieren. Welche Erfahrungen unsere Familien gemacht haben. Ob wir Vertrauen in Systeme haben. Ob wir gelernt haben, Verantwortung zu übernehmen oder Verantwortung abzugeben.


In manchen Kulturen wird Eigentum als selbstverständlich angesehen. In anderen als riskant. In wieder anderen als etwas, das Männern vorbehalten ist. Wenn ich mit Frauen über Investitionen spreche, spreche ich deshalb nie nur über Rendite. Ich spreche über Prägungen. Über innere Sätze, Ängste und Erwartungen.


Und ich erlebe immer wieder, wie befreiend es sein kann, diese Zusammenhänge zu erkennen. Nur weil eine Vorfahrin Erfahrung X gemacht hat, darf ich heute als Frau trotzdem einen anderen Weg einschlagen.


Kulturelle Vielfalt wird für mich dann konkret, wenn eine Frau sagt: „So habe ich das noch nie betrachtet.“ Wenn sie merkt, dass sie nicht an eine Rolle gebunden ist, die ihr vielleicht einmal zugeschrieben wurde.


Ich glaube, wirtschaftliche Teilhabe ist ein leiser, aber kraftvoller Beitrag zu kultureller Vielfalt. Sie erweitert uns Handlungsspielräume. Und sie macht uns unabhängiger von Strukturen, die vielleicht nicht mehr passen. Wenn Frauen Geld haben, schaffen sie sich die Möglichkeit, eigene Entscheidungen zu treffen – unabhängig von Herkunft oder Erwartung.


Für mich persönlich bedeutet kulturelle Vielfalt, dass wir voneinander lernen dürfen. Dass wir anerkennen, wie unterschiedlich unsere Startpunkte sind. Und dass wir trotzdem – oder gerade deshalb – gemeinsam gestalten können und auch voneinander lernen können.


Starke Frauen sind für mich nicht die, die alles allein schaffen. Es sind die, die sich ihrer Prägungen bewusst werden, die bereit sind zuzuhören und den Mut haben, neue Wege zu gehen.

 
 
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