Kennst Du Deine Finanzen?

Aktualisiert: 16. Juli

Ich merke immer wieder, wie schnell Gespräche oberflächlich werden, sobald es um Geld geht. Über Geld spricht man ja nicht. Es wird ausgewichen oder ins Ungefähre gezogen, obwohl genau da eigentlich die spannenden Themen liegen. Gerade unter Frauen erlebe ich das oft, obwohl wir gleichzeitig die sind, die so viele Lebensbereiche organisieren, planen und tragen. Wir kümmern uns um Familie, Termine, Alltag, oft auch um Business oder Karriere, aber wenn es um die eigenen Finanzen geht, bleibt es erstaunlich oft vage.
Es geht dabei gar nicht darum, mit Deinem Geld anzugeben oder Dich mit anderen zu vergleichen. Das erlebe ich ehrlich gesagt eher selten unter Frauen. Es geht darum zu verstehen, was bei Dir eigentlich wirklich passiert und möglich ist. Was kommt rein, was geht raus und was bleibt am Ende übrig – im Jahr, aber auch auf die Rente bezogen.
Wenn wir in unseren Beratungen über Bonität sprechen und die Selbstauskunft ausfüllen, habe ich manchmal das Gefühl, dass einige Kundinnen sich das erste Mal wirklich mit allen ihren Zahlen auseinandersetzen. Eine Kundin hatte durch smartes Anlegen, einen sechsstelligen Betrag in ETFs über die Jahre erarbeitet. Ich dachte nur WOW und ihr war es peinlich. Eine andere hatte 5 Lebensversicherungen abgeschlossen, wir haben das mühsam abgeschichtet und plötzlich kam raus, dass sie einen sechsstelligen Betrag an Rückkaufwerten hatte. Eigenkapitalthema gelöst, juhu.
Tatsächlich höre ich sehr oft, wenn eine Frau die Selbstauskunft fertig ausgefüllt hat „jetzt hab ich endlich mal einen Überblick“, oder „eigentlich habe ich ja schon einiges erreicht“ oder „es hat soooo gut getan, das einfach mal zusammenzuschreiben und es war gar nicht schlimm“. Es ist eine Mischung aus Erleichterung und Selbstermächtigung.
In dem Moment, in dem Du anfängst, Dich wirklich mit Deinen Finanzen auseinanderzusetzen, verlierst Du dieses diffuse Gefühl von Unsicherheit, das wir Frauen oft haben. Du bekommst Klarheit und damit auch Kontrolle zurück. Es versetzt Dich in die Lage, fundierte Entscheidungen zu treffen, was Du mit dem Geld machen willst und auch wie Du es für Dich arbeiten lassen musst, um auf die Zahlen im Alter zu kommen, die Du Dir vorstellst.
Deine Zahlen kennen verändert alles
Wenn ich jemand nach seinen Einnahmen frage, kommt als erstes das Gehalt und ein Gemurmel wie…da sind noch ein paar ETFs. Die Mehrheit weiß, was sie verdienen, aber wenn man genauer hinschaut, ist es oft eher ein vages Gefühl, eine Schätzung. Gerade wenn mehrere Einnahmequellen zusammenkommen oder Dein Einkommen schwankt, wird es schnell unübersichtlich. Den Steuereffekt können auch die wenigsten einschätzen, einfach weil sie sich noch nie damit beschäftigt haben. Was ist mein persönlicher Steuersatz, was ist mein zu versteuerndes Einkommen, steht das eigentlich irgendwo? Ja tut es, steht im Einkommensteuerbescheid drin.
Oft auch bei Elternzeit oder Teilzeitfällen. Dann wird innerlich eher mit einem schlechten Monat gerechnet als mit der Realität, weil sich das einfach besser anfühlt konservativ zu denken.
Gleichzeitig werden Ausgaben oft unterschätzt, weil sie sich kleiner anfühlen und nebenbei passieren. Fixkosten wie Miete und Handyvertrag sind meist noch klar. Ich wurde vor kurzem nach meiner Stromrechnung monatlich gefragt, und selbst ich musste einen Moment überlegen.
Aber alles, was täglich passiert, läuft unter dem Radar. Ein Kaffee to go hier, Lieferdienst da, ein paar Abos, spontane Onlinekäufe nach einem langen Tag und plötzlich sind mehrere hundert Euro im Monat einfach weg, ohne dass Du es bewusst entschieden oder in Deiner obligatorischen Finanz-Excel-Liste eingetragen hast.
Wenn Du einmal wirklich hinschaust, merkst Du schnell, dass es nicht darum geht, weniger zu haben oder Dich einzuschränken. Es geht darum, bewusster zu werden. Du fängst an zu sehen, wo Dein Geld hingeht und kannst dann entscheiden, was Dir wirklich wichtig ist und was eigentlich nur Gewohnheit ist. Das heißt aber auch nicht, dass es in Stress ausarten muss und Du anfängst jede einzelne Miniausgabe zu dokumentieren wie Kalorien bei einer Diät. Ich habe Freundinnen ,die große Fans von Finanz-Apps sind, die alles dokumentieren. Das artet teils in eine Art von Competition aus. Aber wenn Du das nicht als spielerische Herausforderung siehst, dann stress Dich nicht unnötig.
Aber es ist wichtig zu verstehen, wo Dein „Weak-Spot“ an Ausgaben ist. Denn genau da entsteht Dein Sparpotenzial und da erkennst Du auch die Programme, die Dich emotional beim Thema Geld steuern. Bist Du Frust-Shopperin? Oder knausrige Sparerin? Muss es im Restaurant immer das günstigste sein? Oder gönnst Du Dir gern das, worauf Du Lust hast? Gehst du bei jedem Wetter zu Fuß, oder gönnst Du Dir bei Regen einfach mal ein Taxi?
Die Möglichkeiten Dir Rücklagen aufzubauen, damit Du nicht bei jeder ungeplanten Ausgabe ins Straucheln kommst und die Chance hast, zu investieren und Dir ein passives Einkommen aufzubauen. Diese Sicherheit verändert unglaublich viel, weil Du Entscheidungen nicht mehr aus Druck heraus treffen musst, sondern aus einer stabilen Position.
Kennst Du Deine Finanzen wirklich? Schau Dir das konkret an
Also werden wir mal konkret. Was solltest Du Dir anschauen, wenn Du Deine Finanzen wirklich kennen willst. Nimm Dir Zeit, dass mal in Ruhe für Dich durchzugehen.
1. Einnahmen verstehen
Was kommt monatlich wirklich auf Deinem Konto an ?
Gehalt, Selbstständigkeit, Kindergeld, Unterhalt, Nebeneinnahmen, Mini Job?
Durchschnitt der letzten 3 bis 6 Monate berechnen, vor allem bei schwankendem Einkommen
Unterscheiden zwischen sicheren und variablen Einnahmen
2. Fixkosten klar benennen
Miete oder Hauskreditkosten
Versicherungen
Strom, Internet, Handy
Kita, Schule, Betreuung
Verträge wie Fitness und feste Abos
Leasingkosten
3. Variable Ausgaben sichtbar machen
Lebensmittel
Drogerie
Tanken oder Transport
Freizeit, Essen gehen, Aktivitäten
Kleidung und persönliche Ausgaben
4. Versteckte Geldfresser aufdecken
Streaming-Abos, Apps, Tools
Spontane Onlinekäufe
Coffee to go oder kleine Alltagskäufe
Lieferdienste
Gib alle Kleinbeträge, die unterbewusst aber doch meist regelmäßig passieren
Und jetzt kommt das Wichtigste. Bewerte diese Auflistung ehrlich.
Was nutzt Du wirklich regelmäßig? Gerade bei Abos erschreckt man oft über sich selbst?
Was gibt Dir echten Mehrwert?
Was läuft einfach nur mit?
Was würde Dir ehrlich gesagt gar nicht fehlen?
Wo gibt es bessere Konditionen?
Ich bin auch kein Fan davon jährlich mein Stromanbieter oder Telekommunikationsvertrag zu ändern. Aber oft hängt man bei ehrlichem Hinsehen doch in alten Verträgen zu schlechteren Konditionen fest, als man denkt.
Jetzt geht es darum die Sparpotenziale konkret festzulegen;
Zwei bis drei Dinge sofort streichen oder reduzieren
Feste Summe definieren, die Du monatlich sparen willst
Kleine Anpassungen statt radikaler Verzicht
Und dann der wichtigste Schritt: Rücklagen prüfen oder aufbauen
Hast Du bereits einen finanziellen Puffer?
Ziel: drei bis sechs Monatsausgaben
Separates Konto für Rücklagen einrichten
Monatlichen Betrag automatisiert zurücklegen
Es geht nicht darum, einmal viel beiseitezulegen, sondern ein neues Programm zu lernen, das Dein Denken und Handeln zu Geld steuert, und dass dann über die Zeit einen anderen Effekt hat als Dein früheres Verhalten.
Das Ziel ist nicht, alles sofort auf den Kopf zu stellen. Das Ziel ist, dass Du einmal wirklich verstehst, was bei Dir passiert und Du basierend darauf konkrete und auch realistische Sparpläne aufsetzen kannst.
Allein dieser Überblick verändert schon extrem viel. Du kannst jetzt mit gutem Gewissen bei der Frage "Kennst Du Deine Finanzen?" sagen: Ja, ich kenne meine Finanzen.
Was das mit Deinem Leben und Deinen Kindern zu tun hat
Für mich hat das Thema eine ganz andere Bedeutung bekommen, seit ich Mama bin. Kinder lernen nicht durch das, was wir ihnen erklären, sondern durch das, was wir vorleben. Und genau deshalb ist es so entscheidend, wie wir selbst mit Geld umgehen.
Wenn Geld bei uns ein Thema ist, das wir vermeiden oder das immer mit Stress verbunden ist, dann übernehmen sie genau dieses Gefühl. Wenn wir dagegen bewusst damit umgehen, Entscheidungen erklären und zeigen, dass Geld etwas ist, das man verstehen und gestalten kann, dann geben wir ihnen ein komplett anderes Fundament mit.
Das fängt im Alltag an, beim Einkaufen, bei Gesprächen, bei kleinen Entscheidungen. Ein Satz wie „wir kaufen das heute nicht, weil wir für etwas Größeres sparen“, vermittelt ein ganz anderes Gefühl als „wir können uns das nicht leisten“. Es geht darum, bewusst mit Geld umzugehen und es als normalen Teil des Lebens zu integrieren.
Und genau da schließt sich für mich der Kreis, weil finanzielle Klarheit nichts Abstraktes ist. Sie entscheidet ganz konkret darüber, wie Du lebst. Wie viel Ruhe Du hast, wie frei Du Entscheidungen treffen kannst und wie viel Raum Du Dir für die Dinge nimmst, die Dir wichtig sind.


