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Förderungen für Familien: Ja. Für Mütter? Meist Fehlanzeige.

  • Autorenbild: Anja Blodow
    Anja Blodow
  • 23. Okt. 2025
  • 4 Min. Lesezeit

Wenn wir über staatliche Förderungen sprechen, ist meistens von „Familien“ die Rede. Doch Familie ist längst nicht mehr nur Vater, Mutter, zwei Kinder und Reihenhaus am Stadtrand. 


Heute bedeutet Familie auch Patchwork, Alleinerziehend, zwei Mütter, ein Vater mit Teilzeit oder Doppelverdiener im Großstadtloft oder auf dem Land. Der klassische Familienbegriff von früher passt nicht mehr und trotzdem bauen viele Förderprogramme genau darauf auf. 


Dass jede fünfte Familie in Deutschland allein- oder getrennterziehend ist, zeigt die Vielfalt – und die Verwundbarkeit – sehr deutlich. (2023 rund 1,7 Mio. Familien; Anteil alleinerziehender Väter ~18 %, also überwiegend Mütter, BMFSFJ). 

Und das Modell Heirat, das Grundvoraussetzung für viele Förderungen ist, ist auch nicht mehr das, was es früher einmal war. Viele Paare leben jahrelang zusammen, ohne einen Ring am Finger. Das kommt meist erst dann, wenn plötzlich ein Baby sprichwörtlich im Raum steht.


Was auf den ersten Blick familienfreundlich und inklusiv klingt, zeigt bei genauerem Hinsehen große Lücken. Denn Förderungen richten sich zwar formal an „Familien“, begünstigen in der Praxis aber vor allem Haushalte mit zwei Einkommen und relativ stabiler Erwerbsbiografie. Und genau deshalb trenne ich hier sprachlich zwischen Familien und Müttern: nicht, weil Mütter keine Familie wären – im Gegenteil. Sondern weil es in der Realität überproportional Mütter sind, die Care-Arbeit übernehmen, länger in Teilzeit bleiben oder nach einer Trennung den kompletten Alltag schultern. Wenn Freibeträge, Antragswege oder Finanzierungslogiken das nicht abbilden, rutschen sie trotz „Familienförderung“ durchs Raster.


Wer reduziert seine Stunden, wenn das Kind krank ist? Wer übernimmt die unbezahlte Care-Arbeit, wenn die Betreuungslücke kommt? Wer holt das Kind ab, wenn spontan der Schulbus ausfällt? Und wer steht nach einer Trennung mit halbem Gehalt, vollen Kosten und ohne Splitting-Vorteil da?


Es sind in der Realität fast immer die Frauen. Dass viele Väter heute selbstverständlich Care-Arbeit mittragen, ändert daran nichts. Die politischen Regeln wirken auf den ersten Blick neutral, treffen in der Praxis aber vor allem Mütter.


Elterngeld: wichtig – mit klaren neuen Grenzen


Elterngeld klingt modern und fair: ein Ersatz für Dein Einkommen in der Elternzeit. In der Praxis aber gibt es gleich mehrere Fallstricke.


Wie sieht es aktuell aus: Elterngeld federt Einkommensverluste in der Babyzeit ab, wurde aber 2024/2025 nachgeschärft: Für Geburten ab 1. April 2024 liegt die Einkommensgrenze, ab der kein Anspruch besteht, bei 200.000 € zu versteuerndem Einkommen (einheitlich für Paare und Alleinerziehende). Für Geburten ab 1. April 2025 sank sie weiter auf 175.000 €. Außerdem ist der parallele Bezug von Basiselterngeld grundsätzlich nur noch für einen Monat innerhalb der ersten zwölf Lebensmonate möglich (Ausnahmen: z. B. Frühchen, Mehrlinge, Behinderung). Das ist die aktuelle Rechtslage laut Bundesfamilienministerium.


Für Mütter, die durch Schwangerschaft und Geburt ohnehin schon beruflich gebremst sind, heißt das: Sie tragen die Hauptlast, während die Förderung ihre Lücken kaum abfängt. Besonders hart trifft das Alleinerziehende, die kein zweites Einkommen im Rücken haben. Ein „Herzstück der Familienpolitik“, dass für Alleinerziehende bei genauerem Hinsehen eher ein Pflaster mit Löchern ist.


Und was es für Selbstständige heißt, habe ich schon einmal genauer in meinem Newsletter „Mutterschutz für Selbstständige“ aufgezeigt.


Steuerlogik & Arbeitsanreize: die Zweitverdiener-Falle


Dass unser Steuersystem den Zweitverdienst im Paar (häufig den der Mutter) per Ehegattensplitting empfindlicher „besteuert“, ist seit Jahren untersucht. Die OECD zeigt, dass Zweitverdienende – mehr als 75 % davon sind Frauen – in vielen Ländern, so auch in Deutschland, überdurchschnittlich hohe effektive Grenzbelastungen haben. Das dämpft Anreize, Stunden aufzustocken.


Hier zeigt sich erneut: „Familie“ wird steuerlich entlastet, aber Mütter und insbesondere Alleinerziehende, bleiben mit ihren besonderen Herausforderungen außen vor. Ein echtes Familiensplitting, dass Kinder unabhängig von der Haushaltsform berücksichtigt, könnte Abhilfe schaffen. Doch politisch ist das bislang kaum ein Thema bzw. wird eher abgebügelt.


Deutsche Institute wie DIW und ifo weisen seit Langem darauf hin, dass das Ehegattensplitting gerade bei ungleichen Einkommen die Arbeitsaufnahme/-ausweitung des Zweitverdienstes weniger attraktiv macht; Reformmodelle (z. B. Individualbesteuerung mit übertragbarem Grundfreibetrag) gelten als arbeitsangebotsschonender.


Und mir ist noch einmal wichtig an dieser Stelle zu sagen. Das heißt nicht „Alle Männer sind die Bremse.“ Es heißt nur, dass die Regelwerke systemische Anreize setzen, die pauschal wirken und das unabhängig davon, wie partnerschaftlich Ihr Alltag gelebt wird. Viele Väter stemmen heute selbstverständlich Care-Arbeit, gehen in Elternzeit und planen fair. Das ist klasse und wird von immer mehr gelebt und auch eingefordert. Die Politik sollte dies konsequent unterstützen.


Alleinerziehende – die unsichtbar Benachteiligten


Wer allein erzieht, trägt Organisation, Emotionen und Finanzen im Alltag und ist statistisch deutlich stärker armutsgefährdet. Für 2023 zeigen Auswertungen: Alleinerziehende und ihre Kinder sind mit rund 41 % besonders häufig armutsgefährdet; das Risiko liegt damit ein Mehrfaches über dem bei Paarhaushalten mit Kindern.

Dass „jeder Fünfte“ eine allein- oder getrennterziehende Familie ist, unterstreicht, dass die klassische Zweiverdiener-Ehe und auch die Einverdiener-Ehe längst nicht mehr die gesellschaftliche Norm abbilden.


Ein praktisches Beispiel aus dem Alltag: Du willst oder musst als Frau spontan länger arbeiten, aber die Kita hat nur bis 16 Uhr offen, die Tagesmutter fällt aus, der Ersatz kostet extra. Gleichzeitig ist der Weg zu einer Vollzeitstelle steinig, weil Randzeitenbetreuung fehlt. Genau hier entscheidet sich, ob Förderlogik „Familie“ die realen Engpässe von Müttern und besonders Alleinerziehenden tatsächlich trifft. Ich frage mich immer wieder, warum die skandinavischen Länder anscheinend deutlich besser hinbekommen als wir – es ist mir ein Rätsel!


Familienförderung darf nicht länger heißen: Hilfe nur für die klassische Familie, bestehend aus Mutter-Vater-Kind-mit Trauschein und Golden Retriever. Sie muss heißen: Hilfe für alle, die Care-Arbeit und Verantwortung tragen und das sind in der Realität meistens Mütter. Aber natürlich auch die Männer, die diese Aufgabe übernehmen, absichert. Halt gleichberechtigt!!


Was könnte man also tun?


Ein paar Stellschrauben liegen auf der Hand: Elterngeld, das planbarer und verständlicher ist. Steuerliche Anreize, die nicht den Zweitverdienst bestrafen, sondern echte Wahlfreiheit schaffen. Entlastungen, die Alleinerziehende wirklich erreichen – sei es durch faire Anrechnung beim Unterhaltsvorschuss oder durch verlässliche Betreuung. Und eine Immobilienförderung, die nicht nur für Doppelverdiener mit Eigenkapital funktioniert, sondern auch für diejenigen, die allein Verantwortung tragen und die Absicherung am nötigsten hätten.


Ich finde: das sind keine Utopien, sondern Fragen des politischen Willens.

Was wünschst Du Dir für die Zukunft?

 
 
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