Mutterschaft darf kein Armutsrisiko sein
- Anja Blodow

- 17. Juli 2025
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 21. Apr.

Als ich den zweiten Strich auf dem Schwangerschaftstest gesehen habe, war mir klar: Ich freue mich. Und fast gleichzeitig: Ich rechne.
Nicht: „Was kostet ein Kinderwagen?“
Sondern: „Wie schaffe ich das allein?“
Mit zwei Kindern. Mit Selbstständigkeit. Mit Miete, Krankenkasse, Altersvorsorge. Und ohne doppeltes Einkommen im Rücken.
Ich bin nicht die Einzige, die so rechnet. Ich bin auch nicht die Einzige, die es wütend macht. Denn so viele Frauen in meinem Umfeld – klug, stark, berufstätig – sagen mir, dass sie zwar ein Kind wollen, es sich aber schlicht allein nicht leisten können.
Und dann habe ich die neue DGB-Studie gelesen. Sie sagt: 70 % der erwerbstätigen Frauen zwischen 25 und 55 Jahren in Deutschland verdienen nicht genug, um langfristig für sich und ein Kind vorzusorgen. Das ist nicht nur ein Statistikwert. Das ist die Lebensrealität von viel zu vielen Frauen. Von Müttern. Von Frauen mit Kinderwunsch. Von Alleinerziehenden. Von Teilzeitkräften.
Jetzt bin ich in der glücklichen Lage, dass ich früh in Immobilien investiert habe und mir so über die Jahre ein passives Einkommen aufbauen konnte, was mich in der Situation abfängt und ich habe ein Team, auf das ich bauen kann, wenn ich beruflich nicht Vollgas geben kann, aber ich weiß, dass ich in diesem Fall privilegiert bin und es vielen Frauen leider in meiner Lage nicht so geht.
Warum können so viele Frauen nicht unabhängig leben obwohl sie alles geben?
Es ist nicht der fehlende Wille. Nicht das fehlende Engagement. Nicht die „falsche Berufswahl“. Es ist ein System, das noch immer davon ausgeht, dass irgendwer im Hintergrund „mitverdient“. Dass jemand anderes absichert. Auffängt. Versorgt. Und dieser jemand ist meist nicht weiblich.
Die Realität sieht so aus:
Kita nur bis 13 Uhr → Teilzeit. Oder sauteuer!
Er verdient mehr → sie bleibt in Elternzeit.
Steuerklasse V → ihre Arbeit lohnt sich kaum.
Pflege-, Erziehungs- oder Gesundheitsberufe → unterbezahlt.
Lebensläufe mit Kind → Lücken, Stagnation, weniger Aufstiegschance.
Ich kenne Frauen mit Hochschulabschluss, mit Verantwortung, mit 15 Jahren Berufserfahrung, die heute weniger Netto haben als vor dem ersten Kind. Ich will jetzt nicht immer in die Kerbe schlagen, das alles ungerecht ist. Es hat sich bereits in den letzten Jahren viel verändert und es gibt viele Männer und Chefs im Unternehmen die bereit sind ihren Teil zu tragen oder auch beruflich einen Schritt zurückzugehen, so dass die Frau mehr Freiheit hat ihre Karriere zu verfolgen – trotz oder gerade mit Kindern. Aber es passiert noch zu selten und die Zahlen von Studien zeigen dann doch wieder, so rosig ist das alles noch nicht. Und gerade hat man auch den Eindruck, in ein paar Köpfen da oben wird gerade das Rad zurückgedreht, das ist fatal für Frauen.
Ich kenne Mütter, die lieber keine Gehaltserhöhung annehmen, weil sie dann die Kita-Gebühren selbst tragen müssten. Ich kenne Alleinerziehende, die mehr arbeiten würden, aber keinen Betreuungsplatz bekommen oder ihn sich nicht leisten können. Das finde ich: darf und kann doch in einem Land wie Deutschland nicht sein.
Armutsrisiko ist vermeidbar.
Was die 70 %-Zahl wirklich aussagt und warum sie uns alle betrifft
„70 % der erwerbstätigen Frauen zwischen 25 und 55 Jahren verdienen nicht genug, um langfristig für sich und ein Kind vorzusorgen.“ (DGB-Studie 2024) Das heißt nicht: 70 % aller Frauen sind arm. Aber es heißt: Ein Großteil kann sich nicht allein absichern. Nicht für Krankheitszeiten. Nicht für Trennung. Nicht fürs Alter.
Es geht hier nicht um Konsum, sondern um echte, wirtschaftliche Eigenständigkeit. Und um die Frage: Wie frei bist Du wirklich, wenn Du finanziell nicht unabhängig bist?
Und nein , das ist nicht Deine Schuld. Aber Dein Thema.
Wenn Du gerade in Teilzeit bist, wenn Du weniger verdienst als Dein Partner, wenn Du denkst: „Ich müsste mich mal um meine Finanzen kümmern“, dann hast Du nicht versagt.
Du hast nur in einem System gelebt, das es Frauen seit Jahrzehnten schwer macht, wirtschaftlich frei zu sein, gerade wenn sie Mütter sind. Die doch so hoch in unserer Gesellschaft geschätzt werden – Motto „Deutschland braucht mehr Kinder.“ Aber auch für Frauen ohne Kinder und ohne Kinderwunsch ist es nicht lustig.
Dieses System belohnt Anpassung. Es belohnt funktionierende Familienmodelle, in denen eine Person sich kümmert und weniger verdient. Und es bestraft Umwege, Lücken, Pausen, obwohl sie oft unvermeidlich sind. Und auch immer mehr zum Standard in einer Erwerbsbiografie werden. Den linearen Arbeitsweg findet man immer seltener bei Bewerbungsgesprächen, vor allem bei Akademiker*innen.
Was sich verändert und was Hoffnung macht
Trotzdem sehe ich Veränderung. Nicht überall. Nicht schnell. Aber spürbar.
Ich sehe Frauen, die sich selbstständig machen, nicht aus Luxusgedanken getrieben, sondern aus Notwendigkeit. Ich erlebe Mütter, die sich gegenseitig Job-Tipps, Steuertricks und Finanzliteratur schicken. Ich sehe Gründerinnen, die Unternehmen aufbauen, während sie Stillpausen machen (wozu ich 2019 ebenfalls gehörte). Ich sehe Podcasts, Bücher, Netzwerke, in denen Frauen offen über Geld sprechen. Und ich sehe, dass finanzielle Unabhängigkeit für viele kein Tabuthema mehr ist, sondern etwas, dass sie selbstbewusst einfordern.
Was ich mir wünsche und was wir tun können um das Armutsrisiko zu minimieren
Ich wünsche mir, dass wir aufhören, „Mütter“ und „finanzielle Unabhängigkeit“ als Widerspruch zu denken. Ich wünsche mir, dass jede Frau ein Kind haben kann, die sich eines wünscht. Ich wünsche mir, dass Politik endlich erkennt, dass unbezahlte Care-Arbeit ökonomisch relevant ist. Dass Steuerrecht nicht Abhängigkeit belohnen darf. Dass Vereinbarkeit kein Bonus ist, sondern ein fester Bestandteil des Arbeitsmarktes. Und damit meine ich grundsätzlich die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben, d.h. das gilt auch für Frauen wie Männer die keine Kinder haben.
Also lasst uns offen über diese Themen sprechen. Frauen mit Frauen und auch mit Männern, denn es geht uns alle was an. Lasst uns uns gegenseitig unterstützen und mit der finanziellen Bildung ausstatten, die wir brauchen.
Und daher auch mein Angebot: wenn Du dich finanziell absichern wills


