Mutterschutz für Selbstständige
- Anja Blodow

- 28. Aug. 2025
- 5 Min. Lesezeit

Warum diese Reform überfällig ist und was sich jetzt bewegen muss
Ich bin selbstständig. Und ich bin schwanger. Zum zweiten Mal. Aber das erste Mal als Unternehmerin. Und ich merke jetzt schon: So eine Schwangerschaft fühlt sich ganz anders an, wenn Du nicht auf ein System bauen kannst, das Dich auffängt.
Als mein erstes Kind zur Welt kam, war ich noch angestellt. Ich konnte mir Zeit nehmen, ohne jeden einzelnen Tag vorher durchgerechnet zu haben. Ich wusste, es kommt Geld rein, auch wenn ich ein paar Wochen oder Monate nicht arbeite. Ich war krankenversichert, ich hatte Mutterschutz, ich hatte – zumindest in Grundzügen – einen Plan, wie ich mich erholen kann, wie ich versorgt bin, wie ich mit einem Neugeborenen für eine Weile einfach nur Mama sein darf.
Heute ist das anders. Ich habe mein eigenes Business aufgebaut. Ich trage Verantwortung, nicht nur für mein Kind, sondern auch für meine Kundinnen, mein Team, für all das, was ich mir in den letzten Jahren mit viel Einsatz aufgebaut habe. Und dieses Mal ist alles anders. Es gibt keine wirkliche gesetzlich geregelte Absicherung. Keine Lohnfortzahlung. Keine gesetzlich geschützte Pause, die mir zusteht. Es gibt nur den Druck, irgendwie durchzuhalten, weiterzuliefern, Lösungen zu finden – auch dann, wenn der eigene Körper längst signalisiert: Jetzt wäre es eigentlich Zeit zum Runterfahren.
Nun, es gibt auch Positives in meiner Lage als Selbständige: ich muss nicht mit einem lästigen Chef oder Chefin über Ausfallzeiten diskutieren, ich kann meine Projekte und Aufträge wie auch schon die letzten Jahren nach meinem Energielevel und Urlaubsplänen bestimmen, muss mir keine dummen Sprüche in der Arbeit anhören, kriege keine doofen Fragen zu Teilzeit, wie lang ich stillen will und wann ich wieder komme, muss nicht bangen, ob ich nach der Elternzeit nur noch langweilige Aufgaben kriege, meine Stelle weg ist oder man mich rausekeln will.
All diese Probleme habe ich nicht, und ich bin dafür sehr dankbar, denn das sind die Themen, die Frauen durch den Kopf gehen, wenn sie sich für Kinder entscheiden. Insofern habe ich als Selbständige eine Situation, in der ich mehr Verantwortung für mich und mein Kind übernehmen muss, aber auch mehr Freiheiten habe. Ich habe meine Selbständigkeit von Anfang an um meine Kinder herum gebaut. Und ich habe natürlich meine Immobilieninvestments seit vielen Jahren, die mir Puffer geben. Aber das alles war meine eigene Initiative, der Staat hat da wenig geholfen.
Aber jetzt trage ich allein das Risiko, wenn es in der Schwangerschaft oder bei der Geburt zu Komplikationen kommt, wenn mein Kind oder ich jetzt oder später gesundheitliche Probleme haben.
Was Mutterschutz eigentlich bedeuten sollte und wer bisher außen vor bleibt
Mutterschutz heißt im besten Fall: Entlastung, Schutz vor Überforderung, finanzielle Sicherheit. Ein gesetzlicher Rahmen, der Frauen in der vielleicht verletzlichsten Phase ihres Lebens schützt – körperlich, emotional, wirtschaftlich. Das Mutterschutzgesetz in Deutschland regelt genau das. Sechs Wochen vor und acht Wochen nach der Geburt besteht ein gesetzliches Beschäftigungsverbot und das bei voller Lohnfortzahlung. Dazu kommen Kündigungsschutz, besondere Gesundheitsvorkehrungen und das Recht, in Ruhe heilen und ankommen zu dürfen.
Aber all das gilt bisher nur für abhängig beschäftigte Frauen. Für Selbstständige – und das sind in Deutschland immerhin rund 1,4 Millionen Frauen – greift dieses Gesetz nicht. Wenn du als Unternehmerin schwanger wirst, stehst Du rechtlich auf völlig anderem Boden. Du bist selbst dafür verantwortlich, Dich zu versichern. Du musst vorher genau wissen, ob Deine Krankenkasse Mutterschaftsleistungen bietet, ob Du überhaupt Anspruch hast, wie Du ihn nachweist. Und oft genug weißt Du das alles eben nicht, weil Dich nie jemand darauf vorbereitet hat, weil Du im Alltag ganz andere Baustellen hast oder weil das System Dir nie klar gemacht hat, dass es für Dich gar nicht vorgesehen ist.
Die Realität hinter den Zahlen: Wie viele durch das Raster fallen
Eine Studie des Allensbach-Instituts im Auftrag des Bundesfamilienministeriums hat 2024 erstmals detailliert erfasst, wie prekär die Lage für viele selbstständige Frauen ist.
Die Ergebnisse sind offen gesagt erschütternd: Nur rund ein Drittel der Frauen, die während ihrer Selbstständigkeit ein Kind bekommen haben, erhielten Mutterschaftsleistungen aus der gesetzlichen oder privaten Krankenversicherung. Zwei Drittel hingegen hatten keine entsprechende Absicherung. Und fast die Hälfte der befragten Frauen wusste überhaupt nicht, dass es Möglichkeiten gäbe, sich zu schützen – geschweige denn, wie das konkret funktionieren würde.
Diese Zahlen sind kein Zufall. Sie sind das Resultat eines Systems, das Gründung immer noch als männlich denkt. Schwangerschaft, Wochenbett, Care-Arbeit? Das passt da nicht rein. Wer gründet, so die unausgesprochene Botschaft, muss bitte auch die Konsequenzen tragen, selbst wenn das bedeutet, in der 39. Schwangerschaftswoche noch E-Mails zu beantworten oder im Wochenbett mit dem Neugeborenen am Laptop zu sitzen. Ich kenne Unternehmerinnen, die am nächsten Tag nach der Geburt wieder gebucht wurden. Und andere, die sich nicht trauten, ihre Schwangerschaft öffentlich zu machen, weil sie Aufträge verlieren könnten.
Die Politik bewegt sich, aber noch keine Reform
Umso wichtiger ist es, dass dieses Thema politisch endlich auf der Agenda steht. Am 5. Juni 2025 fand in Berlin ein Workshop zum Thema „Mutterschutz für Selbstständige – Bedarf und Ideensammlung“ statt. Eingeladen hatten das Bundesfamilienministerium und das Bundeswirtschaftsministerium. Gemeinsam mit Vertreterinnen und Vertretern von Verbänden und Netzwerken wurde über mögliche Modelle für mehr Schutz und Sicherheit diskutiert.
Und diese Diskussion war aus meiner Sicht auch überfällig. Die Zahlen lagen auf dem Tisch. Und die Bereitschaft, neue Wege zu denken, war da. Aber: Noch ist es genau das, eine Diskussion. Es gibt aktuell keinen Gesetzentwurf, keine Beschlussfassung, keine konkrete Reform. Das Ziel ist klar: Selbstständige sollen künftig stärker geschützt werden. Aber wann, wie genau und mit welchen Leistungen das tatsächlich umgesetzt wird, ist offen.
Ich begrüße das politische Interesse. Aber ich wünsche mir mehr als Absichtserklärungen. Ich wünsche mir Klarheit. Verbindlichkeit. Und Tempo. Denn Frauen wie ich können nicht warten, bis irgendwann vielleicht ein besseres System kommt. Wir sind jetzt schwanger. Wir sind jetzt selbstständig. Und wir brauchen jetzt eine Lösung.
Und was ist mit dem Elterngeld?
Ein weiterer zentraler Punkt, der viele Selbstständige betrifft, ist das Elterngeld. Und auch hier wird es ab 2025 für viele Frauen eng. Denn die Bundesregierung hat die Einkommensgrenze für den Anspruch auf Elterngeld abgesenkt. Für Alleinerziehende gilt ab April 2025 eine neue Höchstgrenze von 175.000 Euro zu versteuerndem Einkommen.
Das bedeutet: Wenn eine Frau mit ihrem Business – das sie selbst aufgebaut hat, das sie mit Leidenschaft führt, das sie wirtschaftlich unabhängig macht – über dieser Grenze liegt, hat sie keinen Anspruch mehr auf Elterngeld. Auch nicht für die Monate, in denen sie nicht arbeitet, weil sie ein Kind geboren hat. Auch nicht, wenn sie Alleinerziehende ist.
Ich frage mich: Ist das gerecht? Ist das klug? Ist das ein Signal, das wir als Gesellschaft wirklich senden wollen? Das wirtschaftlich erfolgreiche Frauen, die Care-Arbeit leisten, dafür „bestraft“ werden? Oder dass sie sich halt wieder ins Angestelltendasein fügen müssen, oder mit ihrer Selbständigkeit unter die Grenze von 175.000 Euro bleiben müssen, um irgendwie im Notfall abgesichert zu sein?
Was sich wirklich ändern muss
Diese Diskussion über Mutterschutz für Selbstständige darf nicht bei einem Workshop enden. Sie darf auch nicht in einem Förderprogramm verpuffen, das nur die informiertesten und durchsetzungsstärksten Frauen überhaupt finden. Wir brauchen ein Umdenken. Denn die Frage ist nicht, ob wir uns das leisten können. Die Frage ist, ob wir es uns leisten wollen, Unternehmerinnen, Gründerinnen, Kreative, Freiberuflerinnen in der Schwangerschaft weiterhin allein zu lassen.
Ich wünsche mir ein System, das Mutterschaft nicht als Störfaktor sieht. Ich wünsche mir einen Mutterschutz, der für alle gilt, auch für die, die nicht in ein festes Angestelltenverhältnis passen. Ich wünsche mir ein Elterngeld, das nicht nach Steuerbescheid, sondern nach Lebensrealität funktioniert.
Mein Fazit
Diese Reform ist überfällig. Aber sie ist – Stand heute – noch nicht da. Was wir haben, sind Zahlen, Stimmen, politische Impulse. Was wir brauchen, ist der nächste Schritt: gesetzlich, verlässlich, solidarisch.
Ich wünsche mir, dass keine Frau mehr in der Schwangerschaft das Gefühl haben muss, ihren Körper zu übergehen, um ihre Selbstständigkeit und ihre Existenz zu retten. Ich wünsche mir, dass wir endlich aufhören, Gründung und Mutterschaft als Widerspruch zu behandeln. Und ich wünsche mir, dass wir als Gesellschaft erkennen, wie viel Potenzial wir verschwenden, wenn wir Frauen zwischen Freiheit und Fürsorge zwingen.


