Schwangerschaft: Körperliche und finanzielle Schwerstarbeit
- Anja Blodow

- 25. Sept. 2025
- 5 Min. Lesezeit

Weißt Du, was mich wirklich ärgert? Dass Schwangerschaft immer noch verklärt wird. „Ein Wunder der Natur“, „Das größte Glück“, „Das Strahlen einer werdenden Mutter“.
Als wäre der Körper in dieser Zeit ein magischer Tempel, in dem alles voller Licht und Liebe ist.
Aber die Wahrheit? Schwangerschaft ist nicht nur rosa Wölkchen mit Duft nach Rosen und Vanille. Schwangerschaft ist für viele eine Plackerei und schmeckt nach Schlaflosigkeit, Schmerzen und Anstrengung. Es braucht unfassbare Geduld, Durchhaltevermögen und teilweise auch Verzicht. Sie ist zwar ein Wunder, aber hat einen krassen Preis von Schwerstarbeit – körperlich, seelisch und finanziell. Und glaubt mir, ich kann das beurteilen – denn ich bin gerade wieder schwanger. Zum zweiten Mal.
Ich erinnere mich noch genau an die ersten Wochen: Müdigkeit, als hätte mir jemand die Batterien geklaut. Bei mir zwar keine Übelkeit, die viele Frauen wochenlang echt ausknockt. Später Atemnot und einfach zu dick, um vom Boden hochzukommen. Wer kennt es?
Oder Baby turn nachts um 3 Uhr im Bauch rum. Ganz großes Tennis. Oder Heulattacken wegen Kleinigkeiten – manchmal reichte schon der Gedanke (!) an z.B. eine braune Banane, um mich zum Zusammenbruch zu bringen. Und dann diese Sätze von außen: „Genieß die Schwangerschaft, das ist eine ganz besondere heilige Zeit.“ Ganz ehrlich? Oft habe ich mich gefragt, ob die Leute, die das sagen, jemals selbst schwanger waren. Mein Lieblingszitat ist „In meiner Schwangerschaft gab es zwei tolle Phasen, die waren jeweils an einem Mittwoch“ (der Name der Kabarettistin ist mir leider nicht mehr eingefallen).
Und die Ängste von innen, wird alles gut gehen? Geht es dem Baby gut?
Schwerstarbeit für den Körper und danach geht es weiter
Organe verschieben sich, die Lunge bekommt weniger Platz, die Blase meldet sich im Halbstundentakt. Das Immunsystem fährt Achterbahn, Hormone treiben Dich in Höhen und Tiefen, und irgendwann bist Du einfach nur noch erschöpft davon, erschöpft zu sein.
Aber Du lächelst tapfer, weil alle dieses Strahlen sehen wollen. Und weil Dir eh keiner wirklich helfen kann. Du kannst nicht mal auf den Pauseknopf drücken und paar Stunden „normal“ sein. Du bist in ein Karussell eingestiegen, aus dem es fast 10 Monate keinen Ausstieg gibt. Das braucht unfassbare Geduld, egal wie mies man sich fühlt.
Nach der Geburt? Ist eben nicht alles wieder gut. Wochenfluss, eine heilende Plazenta-Wunde. Normalerweise würde man einen Menschen mit einer tellergroßen Wunde wochenlang ins Krankenhaus senden…. , Schmerzen beim Sitzen oder Gehen, manchmal sogar beim Atmen. Nochmal krasse Hormonumschwünge, weitere Heulattacken, Überforderung, noch mehr Schlaflosigkeit, weil Baby auch außerhalb des Bauches gern um 3 Uhr nachts turnt… bei vielen auch Depressionen nach der Schwangerschaft.
Und trotzdem musst Du funktionieren: fürs Baby, für die Familie, für die Außenwelt. Stillst Du in der Öffentlichkeit, wirst Du mitunter schräg angeschaut. Das ist mir beim 1. Kind nie passiert, obwohl ich zweiundhalb Jahre gestillt habe, aber vielleicht habe ich einfach ausgestrahlt, dass man mir beim Stillen lieber nicht dumm kommt. Aber es kann immer passieren.
Bleibst Du zu Hause, heißt es: „Na, dann hast Du ja Zeit für den Haushalt.“
Sagst Du, dass es Dir nicht gut geht, kommt: „Aber sei doch froh, Du hast ein gesundes Kind.“ Alles, was zählt, ist, dass Du Mutter bist. Alles andere? Geschenkt.
Und ja, natürlich freue ich unfassbar mich auf mein zweites Kind und könnt sofort losheulen, wenn ich dran denke, wenn es endlich da ist – aber das heißt noch lange nicht, dass ich so tun muss, als wäre das alles kinderleicht. Als wäre die Zeit der Schwangerschaft das Schönste, was ich je erlebt habe. „Das nächste wird adoptiert“, sag ich immer, wenn mich einer fragt.
Die unsichtbare Last: Finanzen
Und während Dein Körper Schwerstarbeit leistet, passiert etwas, über das viel zu selten gesprochen wird: Schwangerschaft ist auch finanziell eine Zumutung.
Manchmal „malträtiert“ Dich Dein Nachwuchs einfach mit kleinen Tritten und Du bist so müde, dass Du einfach nur auf dem Sofa liegen kannst und hoffen, dass die Bewegungen in Deinem Bauch Dich mal für eine halbe Stunde zu Ruhe kommen lässt. Du meldest Dich krank - weniger Einkünfte bei Selbstständigen und Gehalt bei Jobs auf Stundenbasis.
Dazu kommen laufende Projekte oder Beförderungen, die „später“ vergeben werden, weil Du „bald eh ausfällst“. Elterngeld, das die Fixkosten kaum deckt, besonders, wenn Du vorher schon in Teilzeit gearbeitet hast. 1.800 Euro sind in München gar nichts. Dazu Zusatzkosten, über die kaum jemand spricht: Vorsorgeuntersuchungen, die die Krankenkassen nicht übernehmen, Physiotherapie oder Akupunktur, Spezialnahrung wegen Schwangerschaftdiabetes oder sonstigen Komplikationen, Hypnobirthing-Kurs, private Hebammenstunden. Während die Einnahmen sinken, steigen die Ausgaben – eine doppelte Schere.
Und was oft ausgeblendet wird: Alleinerziehende. Für sie bedeutet Schwangerschaft noch mehr Risiko. Kein zweites Einkommen, das Lücken ausgleicht. Weniger Rückhalt im Alltag. Die Angst, wie es nach der Geburt weitergeht – finanziell, beruflich, organisatorisch – lastet allein auf ihren Schultern. Für viele beginnt mit der Schwangerschaft ein existenzieller Kampf, der weit über das „Babyglück“ hinausgeht.
Männer, Partnerschaft und Verantwortung
Ich möchte dabei nicht so tun, als hätte sich nichts verändert. Es gibt viele Männer, die sich heute viel stärker einbringen – während der Schwangerschaft, bei der Geburt und danach. Männer, die Elternzeit nehmen, Verantwortung übernehmen, Care-Arbeit selbstverständlich mittragen. Und auch die hormonellen Schwankungen ihrer Partnerin geduldig mittragen. Diese Entwicklung ist wichtig und gut.
Aber gleichzeitig bleibt die Last oft ungleich verteilt. Zwei Monate Elternzeit bei Vätern werden gefeiert, während Frauen monatelang körperlich und finanziell einspringen, ohne Schulterklopfen von ihrem Chef oder Chefin. Denn die sind gar nicht amused, dass ihnen eine Vollzeitkraft auf längere Zeit ausfällt und sie so Lösungen finden müssen, die erstmal unbequem erscheinen. Gesellschaftlich hat sich viel bewegt, aber wir sind noch nicht am Ziel. Verantwortung in der Schwangerschaft bedeutet eben mehr als „mal den Bauch zu streicheln“ oder „mit in den Kreißsaal zu gehen“. Es geht auch um finanzielle Absicherung, Planung und den Mut, Karrierewege neu zu denken und das für beide Partner*innen.
Zwischen Pflicht und Lifestyle und warum beides nicht reicht
Früher galt Schwangerschaft als Pflicht: Kinder waren selbstverständlich, Beschwerden und Ängste interessierten niemanden. Heute erleben wir oft die gegenteilige Überhöhung: Schwangerschaft als Lifestyle-Event. Perfekte Babybäuche in Leinenkleidern am Strand, Blumenkranz im Haar, Hochglanz-Fotos auf Instagram. Und natürlich rosa Wölkchen und der Dufte nach Rose und Vanille.
Doch ob Pflicht oder Lifestyle – in beiden Fällen bleibt die harte Realität unsichtbar. Die körperliche Schwerstarbeit, die psychischen Grenzerfahrungen, die finanziellen Einbußen – sie verschwinden im Hintergrund.
Wir müssen ehrlicher werden.
Ich glaube, wir müssen anfangen, ehrlicher über Schwangerschaft zu reden. Über Schmerzen und Erschöpfung statt oder besser zusätzlich zu Wunder und Strahlen. Über finanzielle Abhängigkeit statt über Elterngeld-Broschüren. Über Care-Arbeit, die immer noch größtenteils auf unseren Schultern liegt.
Denn Schwangerschaft ist kein Märchen. Sie ist kein romantischer Zustand. Sie ist eine Grenzerfahrung, die das Leben einer Frau auf jeder Ebene verändert: körperlich, seelisch und finanziell und das langfristig. Und sie verdient endlich die Anerkennung, die sie wirklich braucht, nicht nur in Form von Likes in Insta-Stories, sondern in unserer Gesellschaft, in unserer Politik und in unserer Wirtschaft.
Sind das die Schwangerschaftshormone, die aus mir sprechen? Vielleicht. :-)
Aber vielleicht ist es einfach nur die Wahrheit.
Wie siehst Du das?


